Das ist der Kern so mancher konservativen Kulturkritik, die jeder Abweichung von den eigenen Interessen reine Oberflächlichkeit und damit Geltungssucht unterstellt. Genau das hat Lynn Hirschberg, die renommierte Journalistin der New York Times, 40 Jahre nach Tom Wolfe nochmal aufgeführt. Nur heißt der Popmusiker nicht mehr Leonard Bernstein ("West Side Story"), sondern M.I.A.
Nicht alles ist wie vor vierzig Jahren. Bernstein und Wolfe agierten in einer politisierten Zeit. M.I.A. lebt im Schub der Digitalisierung, die viel von Demokratisierung, Graswurzelbewegungen und Guerilla-Widerstand erzählt, in den sozialen Netzwerken aber noch nicht einmal einen Knopf zum Nichtmögen kennt. Gelästert wird anonym, gut gefunden mit Klarnamen. M.I.A. ist auch deswegen die Antigone des Pop, weil die meisten anderen weiblichen Popstars die Schönheit des Neinsagens zu Grabe getragen haben.
Über das Video von "Born Free" hätte man streiten können. Regierungssoldaten holen rothaarige junge Männer und jagen sie über Minenfelder, dazu kreischt die Sängerin verzerrt zu einem harten Sample der Band Suicide. Die roten Haare der zerfetzten Leiber passen wunderschön in die Farbe der kalifornischen Wüste, die Jeans und T-Shirts antworten dem Blau des Himmels. Und ein vermummter Soldat mit MG hat verdächtig helle Augen, aus denen Angst spricht. M.I.A. sagte der "Berliner Zeitung", in Sri Lanka sei die Jagd über Minenfelder an der Tagesordnung gewesen, man müsse nur die Rothaarigen mit Tamilen austauschen. Der Kunstgriff war offenbar das Problem der Video-Kritiker, nicht die Realität. Und damit die irrige Annahme, dass es eine Politik gibt, die frei von Ästhetik sein kann.
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