Die Musikindustrie, die coole kleine Tochter des Kapitalismus, wird gerne mal an ihre Verwandtschaft erinnert. Von wegen Gegenkultur und Revolte. Die Gesten des Dagegenseins sind längst als fiese Doppelagenten erkannt: als Anreize, durch den Kauf der widerständigen Ware das System doch wieder zu stützen. Pop und Kritik schließen sich aus, darauf hat sich die seriöse westliche Popwahrnehmung geeinigt.
Schon zum dritten Mail seit 2004 kreuzt M.I.A. auf und stört diese nostalgische Übereinkunft. Sie fordert eine Antwort auf die Frage: Kann Pop Nein sagen? Die tamilisch-britische Musikerin und Sängerin Mathangi "Maya" Arulpragasam nennt sich M.I.A., was für Missing in Action steht, also "Gefallen im Kampf". Ihr Vater soll ein tamilischer Widerstandskämpfer gewesen sein, nach dem M.I.A. ihr Debütalbum benannt hatte ("Arular"). "Kala", wie die Mutter, hieß der Zweitling.
Ihr neues Album heißt wie sie selbst: "MAYA". Es ist eine Platte, die mit zwei alten Popmomenten spielt: mit dem Persönlichen und dem Politischen. Die 1975 in London geborene, in Sri Lanka aufgewachsene und mit zehn Jahren vor dem Bürgerkrieg mit der Mutter erneut nach London geflohene M.I.A. macht genau das, was man kaum noch hört oder sieht: Neinsagen und gut aussehen. Während Madonna nur noch von der Erzählung der Machbarkeit handelt - alles ist möglich, wenn du es nur willst -, und Lady Gaga ein keimfreies Fest der sexuellen Zeichen simuliert, tritt hier die letzte Pop-Kuratorin der Militanz auf den Plan.
Doch globaler Pop hat nicht die feinsten Nerven für Erzählerstimmen. Wenn M.I.A. in "Lovalot" die Perspektive eines Selbstmordattentäters einnimmt, ist für manche Maya selbst das Mädchen hinterm Steuer des Bombenautos, sie ist die Verkleidete, welche die Augen senkt, als stecke sie in einer Burka. "I really love a lot", steht geschrieben, doch in ihrem Ost-Londoner Akzent klingt das wie "I really love Allah". Die Bässe sind tief und weit, die Perkussion trocken und elektronisch und vertrackt.
Dann: But I fight the ones that fight me - ich bekämpfe jene, die mich bekämpfen. Im Intro liegt der Schlüssel zu dieser Charade von Figurenrede und persönlicher Erfahrung, wenn M.I.A sagt, sie dachte, das sei ein freies Land, nun finde sie aber eine Hühnerfabrik vor. Die Künstlerin mit ehemaligem Wohnsitz New York hatte Visa-Probleme mit der US-amerikanischen Behörde, weshalb sie das letzte Album unterwegs auf der halben Welt aufnahm. Mittlerweile residiert sie in einem noblen Teil von Los Angeles, hat in eine reiche amerikanische Familie geheiratet und ist Mutter geworden.
Erst jetzt reagiert die Geisteselite empfindlich, ihr Kampfblatt hat Ende Mai ausgeholt mit einem langen, wunderbar kühl geschriebenen M.I.A.-Porträt, das global die Runde macht. Lynn Hirschberg, Autorin des New York Times Magazine, reiste an die Westküste, aber auch nach London, fuhr mit der Sängerin ihre biografischen Stationen ab wie in einem Dokumentarfilm, sprach mit ihrem wichtigsten Soundproduzenten Diplo und auch MIAs amerikanischem Plattenfirmenchef, denen sie beiden tendenziöse O-Töne entlockte. Diplo spricht vom "terrorism gimmick", vom Trick mit dem Terrorismus, und der Interscope-Chef Jimmy Iovine gibt zu, dass ihn M.I.A.s Politik noch nie interessiert hat.
Auch Hirschbergs eigene Bildwelt lässt keine Fragen offen: Sehr weiß sei die Gegend, in der die (dunkelhäutige) Sängerin wohne, im Hotel bestelle sie Weißwein und Pommes mit Trüffelgeschmack. Die Wahrheit des Skandalons, das die liberale New York Times formuliert, liegt in der Beschreibung von M.I.As Styling während einer Fotosession: "Her body was downtown and her face uptown" - die soziale Geografie dieses Frauenkörpers ist deshalb so anstößig, weil er gleichzeitig Straße ("downtown") und Oberschicht ("uptown") signalisiert.
Es ist diese unerlaubte soziale Grenzüberschreitung von Mathangi "Maya" Arulpragasam, die zum Platzverweis führt:Wer in der Nähe von Beverly Hills wohnt, spricht besser nicht über soziale Probleme, über die Datenüberwachung im Netz und den War on Terror. Love it, or leave it.
Der Verdacht, dass man als Privilegierter stets nur an Mode denkt, wenn man sich mit weniger Privilegierten beschäftigt oder sogar mit ihnen redet, hat einen Namen: Radical Chic. Berühmt gemacht hat ihn Tom Wolfes gleichnamiger Aufsatz von 1970. Darin beschreibt Wolfe unter anderem den jüdisch-amerikanischen Komponisten Leonard Bernstein und seine Frau Felicia, wie sie Ende der Sechzigerjahre eine Party, andere sagen: ein Treffen, mit den Black Panthers veranstaltet haben, um Geld für innerstädtische Projekte zu sammeln. In der zweistöckigen Wohnung der Bernsteins mischten sich nun Typen mit riesigen Afros, Sonnenbrillen und Lederjacken unter das Kulturestablishment von Uptown New York.
Es war auch bei den Bernsteins die New York Times, die sich über diesen Clash der Klassen lustig machte. Tom Wolfe lieferte dazu bloß die noch besser geschriebene Nachbetrachtung und den Kernsatz: "Radical Chic, after all, is only radical in style."
Auf Seite 2: M.I.A., die Antigone des Pop
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