Ein Prosit auf Twitter. Vergesst den Heldenmut der protestierenden Menschen im Iran. Vergesst auch die politischen Folgen der Proteste (denken wir nur an das Jahr 1989 und die Vorgänge auf dem Platz des Himmlischen Friedens). Alles, was zählt, sind die Medien. Jedenfalls glauben das die Medien - man lese, höre und schaue nur, was und wie in den letzten Tagen berichtet wurde. Und niemand Geringeres als unser Außenministerium hat Twitter darum gebeten, einen Software-Update zu verschieben, damit die Iraner ungehindert weiter ihre Kurznachrichten um die Welt schicken können.
Aber ist diese Twitterei eigentlich eine gute Sache? Bedenken wir nur einmal die damit einhergehenden Verluste. Amerikas erster revolutionärer Held war Paul Revere. 1775 ritt er in tiefster Nacht von Boston nach Lexington, um die Amerikaner vor den heranrückenden Rotröcken zu warnen. Der verabredete Code lautete: Wenn du ein Licht anzündest, dann kommen die Briten über Land, bei zwei Lichtern kommen sie über das Meer. Das alles war schon ein waghalsiges Abenteuer.
Hätte es damals bereits Twitter gegeben, dann wäre der arme Paul Revere wohl nirgendwohin geritten. Vielmehr hätte er bequem vom Sofa aus seine wichtige Kunde verbreitet: "Brits 2 u by land @ 7:00" (Briten zu euch über Land um 7:00). Die Vereinigten Staaten hätten das früheste Symbol ihrer Unabhängigkeit verloren und eines ihrer kitschigsten Gedichte, nämlich das von Henry Wadsworth Longfellow: "Listen children and you will hear/of the midnight ride of Paul Revere."
Raubt also Twitter den iranischen Kindern nicht nur ihre Helden, sondern auch unbedingt erinnerungswürdige Gedichtzeilen? Denken wir nur an den Tiananmen-Platz und den weltberühmten wie unbekannten Mann, der sich furchtlos vor den heranrollenden Panzer stellte: Das Bild kündete von selbstlosem Mut und wurde zum Symbol dieses denkwürdigen Tages. Hätte es damals schon Twitter gegeben, wäre unser Held wohl gar nicht erst auf den Platz gegangen, sondern hätte aus sicherer Entfernung gemeldet: "Check b 4 going on" (erst gucken, dann gehen).
Mussawi ist ein halbwegs moderater Politiker, aber er ist kein Gandhi. Die Protestbewegung aber braucht Helden. Die Konservativen im Iran haben Ahmadinedschad. Die Protestler haben niemanden. - Warum das so ist? Na ja, wegen Twitter.
Übersetzung: Christian Schlüter
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