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Marcia Pally schreibt: Es geht auch ohne Kulturgedöns

Lassen Sie mich Ihnen die "Neo-downtown" vorstellen, das einzige Ding, das dieses Jahr in den Vereinigten Staaten hergestellt wurde und nichts mit Steve Jobs zu tun hat. Erfunden haben sie die Stadtplaner. Von Marcia Pally

Marcia Pally lebt in New York. Sie ist Literaturwissenschaftlerin an der New York University.
Marcia Pally lebt in New York. Sie ist Literaturwissenschaftlerin an der New York University.
Foto: R.S.

Lassen Sie mich Ihnen die "Neo-downtown" vorstellen, das einzige Ding, das dieses Jahr in den Vereinigten Staaten hergestellt wurde und nichts mit Steve Jobs zu tun hat (seien Sie aber sicher, dass es demnächst eine iTown geben wird). Gemeint ist ein Areal mit Restaurants, Kinos und anderen Vergnügungs- und Ausgehtmöglichkeiten, das so tut, als sei es ein Stadtzentrum. Es findet sich allerdings in den Vororten der großen Städte, weil die örtlichen Stadtplaner nicht wollten, dass die Menschen in die echten Stadtzentren fahren und dort ihr Geld ausgeben.

Die Neo-downtowns, die ohne das übliche Kulturgedöns wie beispielsweise Museen oder Philharmonie auskommen, sind gut für Amerika. In den nächsten vierzig Jahren wird unsere Bevölkerung um 100 Millionen Menschen wachsen: Amerikaner haben 50 Prozent mehr Kinder als Deutsche, Russen oder Japaner, sie haben aber auch mehr als die Chinesen. Bei uns brauchen also mehr Menschen ein Zuhause. Na ja, und wenn es so viele Kinder bei uns gibt, brauchen wir eben kein Kulturgedöns.

Die Neo-downtowns sind aber auch gut wegen der starken Einwanderung. Die Hälfte aller ausgebildeten Migranten weltweit kommen zu uns. Zwischen 1990 und 2005 gehörten ihnen 25 Prozent der neugegründeten Aktienunternehmen. Und es kommt noch besser: Wenn die Migranten einmal bei uns angekommen sind, werden sie auch produktiver, und zwar bis zu zehn Mal mehr als in China.

Das ist selbstverständlich gut, denn es macht uns Amerikaner reicher. Seit 1980 ist die Zahl derjenigen, die mehr als 105000 Dollar im Jahr verdienen um 14 Prozent gestiegen, und seit dem Jahr 2000 verdienen 60 Prozent mehr als 100000 Dollar innerhalb zweier Jahre. Das ist gut, weil wir Amerikaner, wenn wir reicher werden, den Armen mehr geben. Im Jahr 2007 durchbrach das Spendenaufkommen die 300-Milliarden-Dollar-Grenze.

Reicher zu werden ist auch deswegen gut, weil es die Amerikaner dazu bringt, in die schönen Vororte zu ziehen. Und hier schließt sich Kreis, wir sind wieder bei der Neo-downtown angekommnen. Darum ging es ja schließlich die ganze Zeit.

Übersetzung: Christian Schlüter

Autor:  Marcia Pally
Datum:  8 | 5 | 2010
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