Vielleicht war die Obama-Amtseinführung ja vor allem PR. Vielleicht war sie für Amerikas Eliten - und Minderheiten wie Obama, die in Harvard studieren können - und nicht für das eigentliche Amerika.
Vielleicht. Aber ich erlebte im Alltag zwei Momente, die mir zeigten, dass sich die tektonischen Platten des amerikanischen Zeitgeistes gerade verschoben haben.
Die Tochter von Freunden hatte an Obamas Amtseinführungs-Wochenende ihre Bat-Mizwa, die jüdische Zeremonie des Erwachsenwerdens. Das war schon was: Ein chinesisches Mädchen namens Sara Xing zu sehen, adoptiert von jüdisch-amerikanischen Eltern, das fließend Hebräisch las aus der Thora. Ihr Text handelte von der Geburt Moses' in ein hebräisches Elternhaus und seine Adoption durch die Tochter des Pharaos, wo er als Ägypter erzogen wurde. Ihre Predigt beschäftigte sich mit multikulturellen Identitäten, sie schaffte es, Bezug zu nehmen auf die Vision Martin Luther Kings, dessen Geburtstag ebenfalls vergangenes Wochenende war, und auf Obama. Ich dachte, dass das für eine 13-Jährige ziemlich gut war - und dann setzte sie noch eins drauf und bezog alles auf Gott (auf welchen? Auf alle, denke ich mal).
In ihrem biblischen Text lautet der Name Gottes: "Ich bin, der ich bin". Unser chinesisch-jüdisch-amerikanisches Mädchen sagte, dass sie Demut und Dankbarkeit empfinde, in einer Zeit zu leben - 40 Jahre nach Dr. King - in der wir alle, Schwarze inklusive, sagen können: "Ich bin, der ich bin."
Vielleicht, dachte ich, sollte ich die Redenschreiber Barack Obamas anrufen ....
Der zweite Moment? Ein Kinderfilm über Kinder und Hunde. Der erwachsene Held des Films ist ein Obama-Doppelgänger, der zwei weiße Kinder adoptiert (und viele Hunde). Ein Kinderfilm mit einer viele Rassen umfassenden Adoption, in dem die Vielfalt der Kulturen nicht der "Punkt" ist, sondern einfach ganz normal.
Etwas ist passiert mit dem ganz normalen Zeitgeist Amerikas.
Übersetzung: Sylvia Staude
Von Marcia Pally ist erschienen: "Die hintergründige Religion. Der Einfluss des Evangelikalismus auf Gewissensfreiheit, Pluralismus und US-amerikanische Außenpolitik" (Berlin Univ. Press).
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