Alle vier Jahre werden bei uns Jury-Mitglieder für die Gerichte gesucht, ein Ritual, bei dem die meisten Amerikaner alles versuchen, um ja nicht ihren staatsbürgerlichen Pflichten nachzukommen. Etwa indem sie sich so widerwärtig und befangen wie nur irgend möglich geben. Haben sie damit Erfolg, können sie einfach wieder nach Hause gehen.
Seitdem die Vereinigten Staaten bei der im 18. Jahrhundert entstandenen Vorstellung hängen geblieben sind, dass Richter, weil sie Aristokraten sind, ohnehin nicht gerecht urteilen, richten wir, die ganz normalen Menschen, stattdessen über uns selbst. Auf die Idee, dass wir im 21. Jahrhundert eigentlich in der Lage sein müssten, ganz normale Menschen zu Richtern auszubilden, ist bislang noch niemand gekommen.
Gerichtsgebäude sind düster und freudlos. Dort treiben sich zumeist schlechtgelaunte Menschen herum, die gerade einen Plan aushecken, wie sie der Berufung in eine Jury entkommen können. Ein Herr etwa gab vor, als Jury-Mitglied so verfahren zu wollen, wie er es aus seiner Heimat in der islamisch-arabischen Welt gewohnt ist - dort stehe Selbstjustiz immer noch in hohem Ansehen. Ob er damit Ehrenmorde meinte? Oder Fatwas? Was auch immer, der Richter warf ihn kurzerhand hinaus.
Eine Frau war auch nicht schlecht. Sie antwortete auf alle Fragen immer gleich, und zwar mit einem "Vat?". Als der entnervte Richter fragte, ob sie vielleicht die elfte Frage verstanden habe, bekam er wieder ein "Vat?" zur Antwort. Er schmiss die Frau hinaus.
Ein anderer Typ erklärte, sein Bruder sitze wegen des gleichen Delikts im Gefängnis wie der Angeklagte des anstehenden Gerichtsverfahrens. Er kenne sich bestens mit der Materie aus, kenne also die Gesetzeslage. Und kenne sich überhaupt auch mit Kriminalität aus. Und weg war er.
Nun war ich an der Reihe. Ich erschrak, denn ich übe keine Selbstjustiz, ich spreche Englisch und kennen niemanden, der im Gefängnis sitzt. Ich bin einfach nicht schlau genug, um der Jury zu entkommen Euer Ehren, da haben Sie den Grund, um mich nicht zu wollen.
Übersetzung: Christian Schlüter
Von Marcia Pally ist erschienen: "Die hintergründige Religion. Der Einfluss des Evangelikalismus auf Gewissensfreiheit, Pluralismus und US-amerikanische Außenpolitik" (Berlin Univ. Press).
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