Berühmt ist der Ausspruch des Schriftstellers H. L. Mencken, wonach niemand je pleite gegangen ist, weil er die Intelligenz der amerikanischen Öffentlichkeit unterschätzte. Nun, in dieser Woche durften wir erleben, wie die amerikanische Öffentlichkeit ihre "Intelligenz" unter Beweis stellte - indem sie die Gründe dafür, dass wir alle gerade in die Pleite rutschen, einfach nicht verstehen wollte.
Am 15. April, dem Tag, an dem wir unsere jährliche Steuererklärung abzugeben haben, fanden im ganzen Land über 750 Anti-Steuer-Kundgebungen statt. Sie wurden zum Teil über Facebook oder Twitter organisiert und verstanden sich auch als Protest gegen die aus Steuermitteln finanzierten Rettungsmaßnahmen für die großen Banken.
Zum anderen Teil organisierten auch die Republikaner mitsamt von Fox News und der Konservativen Lobbyorganisation "Freedom Works" ihren Protest, um der Regierung Barack Obamas etwas einzuheizen. In Boston kursierte ein Schild, auf dem das "D.C." von "Washington D.C." als "District of Communism" ausgeschrieben war. Und in Alabama tauchte ein Obama-Bild auf, das ihn als Hitler zeigte, Haarschnitt und Schnurrbart inklusive - "Sieg Heil Herr Obama".
Es ist nicht einfach, zugleich Kommunist und Faschist zu sein. Doch ganz gleich, die Amerikaner haben wieder einmal ihre Intelligenz unter Beweis gestellt. Ist da noch jemand ganz bei Trost? Obama hat für 95 Prozent der Menschen die Steuern gesenkt. Die Steuererhöhung für jene, die über 373 000 Dollar im Jahr verdienen, beträgt moderate drei Prozent. Die höchste Steuersatz beläuft sich auf 39 Prozent - Peanuts im Vergleich zu Europa.
Und ganz nebenbei bemerkt: Staatliche Rettungsmaßnahmen hat es bei Bush auch schon gegeben (auch wenn dagegen niemand protestieren wollte). Doch Obama hat es heute mit einer Wirtschaftskrise zu tun, die in ihren Ausmaßen an 1929 erinnert. Seine Politik soll uns allen helfen, vor allem unsere Arbeitsplätze erhalten, unser Eigentum und nicht zuletzt auch unsere Renten sichern. Unter Bush kamen die Steuererleichterungen nur den fünf Prozent der Reichsten zugute - ohne Proteste. Unter Bush verschwanden die Haushaltsüberschüsse - niemand protestierte.
Morgen werde ich das Mencken Memorial Institute eröffnen und dann herausfinden, wie die Intelligenz der amerikanischen Öffentlichkeit mir helfen kann, nicht in den Bankrott zu schliddern.
Übersetzung: Christian Schlüter
Von Marcia Pally ist erschienen:
"Die hintergründige Religion. Der
Einfluss des Evangelikalismus auf Gewissensfreiheit, Pluralismus und US-amerikanische Außenpolitik" (Berlin Univ. Press).
Korrektur: In der letzten Kolumne ist uns ein bedauerlicher Übersetzungsfehler unterlaufen: Es gibt nicht 7,3 Millionen Beschäftigte, sondern Inhaftierte in den amerikanischen Gefängnissen.
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