Nach Obamas Rede zur Entgegennahme des Friedensnobelpreises glühten alle Amerikaner - linke wie rechte - vor Bewunderung. Auf einmal waren sich alle einig. Aber wie konnte es zu dieser Einhelligkeit kommen?
Amerikaner stimmen grundsätzlich zwei Dingen zu: Haltet die Washingtoner Regierung möglichst klein, damit unsere Märkte schön dereguliert bleiben; haltet die Zentralregierung groß genug, um die Feinde des freien Marktes abzuwehren - und die Feinde der politischen Freiheit, von der wir glauben, dass wir sie den freien Märkten verdanken.
In seiner Rede hat Obama nun den zweiten Punkt angesprochen: "Der Handel hat große Teile der Welt einander näher gebracht. Er hat Milliarden von Menschen aus der Armut geführt. Die Ideale der Freiheit, der Selbstbestimmung und der Gleichheit sowie die Herrschaft des Rechts sind auf dem Vormarsch." Obama fügte hinzu, dass manchmal auch Gewalt unvermeidbar sei, wenn es gelte, das Böse zu bekämpfen und "Wohlstand und Frieden" zu sichern.
Ronald Reagan, John F. Kennedy, Franklin D. Roosevelt, Woodrow Wilson oder William McKinley würden sich in ihren Gräbern noch erwärmen wegen solcher Äußerungen. Man vergleiche Obama nur mit Herbert Hoover (Präsident von 1928 bis 1932), der erklärte, der freie Handel sei "der einzige sichere Weg" für den "menschlichen Fortschritt". Oder nehmen wir Cordell Hull (Roosevelts Außenminister): "Ungehinderter Handel ist aufs Engste mit dem Frieden verknüpft." Solche Statements berühren unser Herz, sie treffen unsere Glaubensfeste, und wer immer hier den richtigen Ton trifft, hat uns auf seiner Seite.
Selbstverständlich gibt es hier und da Interpretationsbedarf, etwa bei den Fragen, was wir eigentlich unter "böse" verstehen und was uns den "Frieden" bringen soll. Obama erwähnte in seiner Rede zu Recht das amerikanische Engagement in Deutschland und in Süd-Korea. Leider erwähnte er nicht unsere Interventionen in Lateinamerika und im südasiatischen Raum seit 1898. Und, ach ja, beinahe hätten wir es vergessen: 1893 - Hawaii.
Seien wir also ehrlich, wir Amerikaner sind nicht besonders gut darin, zwischen guten und friedensstiftenden und eher das Gegenteil bewirkenden Interventionen zu unterscheiden. Zwar versucht Obama, da etwas klarer zu sehen, aber auch alle anderen Präsidenten haben geglaubt, sie seien dazu in der Lage. Dennoch müssen uns die Feinheiten solcher Unterscheidungen nicht weiter kümmern. Nicht ihretwegen lieben wir unseren Präsidenten.
Übersetzung: Christian Schlüter
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