Da ist er wieder, Amerikas Einfallsreichtum. Was tun wir, um die Wirtschaftskrise zu überstehen? Wir stehlen Rinder. Seit den 1890er Jahren hat man das nicht mehr gesehen, jetzt wird es wieder zu einem bevorzugten Betätigungsfeld. 53 Rinder wurden kürzlich allein von einer Farm in Missouri gestohlen, um sie an Schlachter zu verkaufen.
Die Diebe, habe ich gehört, waren ehemalige Börsenmakler. Rinder zu stehlen, erfordert strategisches Geschick und manchmal Gewalt. Die Börsenmakler gaben an, es habe sich nicht sehr von ihrem früheren Beruf unterschieden. Die Rinder seien freundlicher gewesen als die ehemaligen Kollegen.
In der New York Times und anderswo war das eine Spitzenmeldung. Vielleicht ist es die Kombination aus Unternehmertum und Amerikas Wild-West-Geschichte, die daran so begeistert. Zudem handelte es sich um schwarze Rinder, die derzeit als schick gelten. Der Obama-Effekt, nehme ich an.
Jedenfalls zeichnet sich bereits ein Trend ab: 41 Rinder wurden in Lawrence County gestohlen, 30 in Barry County, 93 in Greene County, 200 in Watertown, 225 in Wyoming (ich hoffe, die New York Times bleibt der Sache auf der Spur). Sollten Sie ihrerseits auf ein Rind treffen: Vielleicht tut sich auch Ihnen eine neue berufliche Perspektive auf.
Die besonders Einfallsreichen aber gehen noch einen Schritt weiter: Sie geben Rinder, die ihnen nicht gehören, als Sicherheit für ein Darlehen an. Sie stehlen also nicht nur. Sie reinvestieren das Geld auch noch und helfen damit der Wirtschaft. Alles kommt hier zusammen: Unternehmertum, Geschichte, Patriotismus.
Rinderdiebstahl ist auch deshalb ein guter Beruf für Arbeitssuchende, weil in einigen Bundesstaaten die Tiere nicht mit Brandzeichen versehen werden müssen. Es gibt also keine Möglichkeit, den Diebstahl nachzuweisen. Schon wurde vorgeschlagen, überall Kennzeichnung einzuführen. Das aber würde ja das Diebstahls-Unternehmertum entmutigen, das Amerika groß gemacht hat.
Übersetzung: Judith von Sternburg
Von Marcia Pally ist erschienen: "Die hintergründige Religion. Der Einfluss des Evangelikalismus auf Gewissensfreiheit, Pluralismus und US-amerikanische Außenpolitik" (Berlin Univ. Press).
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