Die Berliner Debatte über Religion an öffentlichen Schulen ist seltsam. Wozu sich mit Religion plagen? Warum den Kindern die kostbare Zeit fürs Facebook rauben und sie mit den Obsessionen der letzten Jahrtausende vertraut machen? Ganz offensichtlich verschwindet doch die Religion im Zuge der Modernisierung - wie zum Beispiel in den USA, wo neunzig Prozent an Gott glauben und vierzig Prozent mindestens einmal wöchentlich in die Kirche gehen, oder in der Schweiz, wo mehr als siebzig Prozent an Gott glauben und mehr als sechzig Prozent regelmäßig den Gottesdienst besuchen.
Aber selbst wenn die Religion überlebt, muss man doch dem Religionsunterricht nicht den gleichen Status zubilligen wie einem säkularen Ethikunterricht! Religion ist mit den Menschenrechten ebenso unvereinbar wie mit demokratischen Verfahren, wie zum Beispiel der Kritik am Staat. Erinnern Sie sich nur an die Friedensbewegung und die Nachrüstungsdebatte in Deutschland und an die Bürgerrechts- und Antikriegsbewegung in den USA.
Selbstverständlich soll in einer aufgeklärten demokratischen Gesellschaft über alles gesprochen werden dürfen - was die Gleichberechtigung von Ethik- und Religionsunterricht eigentlich nahe legen würde.
Aber gewiss ist damit nicht das Recht für alle Ideen gemeint, sondern nur für die, die wir mögen. Vielleicht haben Sie meine Ironie wahrgenommen und wundern sich, warum ausgerechnet eine Amerikanerin offenbar "pro Reli" unterstützt.
Dass es in Amerika keinen Religionsunterricht an öffentlichen Schulen gibt, verdankt sich einer robusten religiösen Praxis der Zivilgesellschaft. Aber auch wir denken heute wegen einer unzureichenden religiösen Erziehung in den Familien und den Kirchengemeinden über religiöse Bildung an den öffentlichen Schulen nach - nicht um zu missionieren, sondern um zu bilden. Deutschland hat ein solches System.
Ein Religionsunterricht zweiter Klasse wie in Berlin hingegen ist gegenaufklärerisch und diskriminiert aus religiösen Gründen - genau das, was eine funktionierende Demokratie zurückweisen müsste.
Von Marcia Pally ist erschienen:
"Die hintergründige Religion. Der
Einfluss des Evangelikalismus auf
Gewissensfreiheit, Pluralismus und
US-amerikanische Außenpolitik"
(Berlin Univ. Press).
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