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Marcia Pally schreibt: Unsere voll korrekte Mauer

Was würden wir bloß ohne die Feierlichkeiten aus Anlass des Mauerfalls machen? Ich liebe sie. Außerdem lassen sie uns Amerikaner auch unsere eigene Mauer vergessen - die zwischen den USA und Mexiko. Von Marcia Pally

Marcia Pally lebt in New York. Sie ist Literaturwissenschaftlerin an der New York University.
Marcia Pally lebt in New York. Sie ist Literaturwissenschaftlerin an der New York University.
Foto: R.S.

Was würden wir bloß ohne diese wunderbaren Feierlichkeiten aus Anlass des Mauerfalls machen? Ich jedenfalls liebe sie, und zwar aus einem einfachen Grund: Man fühlt sich einfach so gut, ich meine, wir dürfen uns auf einem großen Marsch ins gelobte Land der Freiheit wähnen.

Außerdem, und hier spreche ich als Amerikanerin, lässt uns das alles auch unsere eigene Mauer vergessen, ich meine die zwischen den USA und Mexiko. Sie wurde von Bill Clinton, George W. Bush und Barack Obama gebaut und ist mittlerweile Hunderte von Kilometern lang. Die Mexikaner nennen sie übrigens den "Neuen Eisernen Vorhang" - aber das ist nur eine Bagatelle, das versichere ich Ihnen. Eigentlich hätten wir auch die deutsche Grenzschutzanlagen übernehmen können, allerdings nicht, um die Menschen am Ausreisen, sondern nur am Einreisen zu hindern - eine weitere Bagatelle. Wir dürfen uns freuen, denn endlich haben wir, die wir dem alten Eisernen Vorhang immer noch nachzutrauern scheinen, einen eigenen, ganz für uns alleine, mit neuen Grenztruppen und Gesetzen gegen illegale Einwanderer - nicht weiter der Rede wert. Außerdem sehen wir, wo wir gerade von Mexiko sprechen, immer noch die Spanier und ihre mittlerweile gut ausgebaute Grenze zu Nordafrika Wir Amerikaner haben die Spanier schon immer verachtet. Deshalb grämen wir uns auch nicht über uns selbst, obwohl bei dem Versuch, von Mexiko aus in die USA zu kommen, an unserer Grenze jährlich so viele Menschen sterben wie in all den Jahren an der deutsch-deutschen Grenze. Überhaupt ist es für uns beruhigend zu wissen, dass in jedem Jahr 500000 Menschen ihr Leben riskieren, um in die EU zu gelangen. So schlecht sind wir Amis also gar nicht.

Und sollte es wider Erwarten dann doch einmal vorkommen, dass wir uns über uns selbst ärgern, vielleicht auch nur wegen der einen oder anderen Schweinerei schämen, dann brauchen wir uns wieder des Mauerfalls zu erinnern und, schwupps, geht es uns wieder gut. Übrigens: Für unsere eigene Mauer haben wir am Anfang alten Armeekram aus den Zeiten des Vietnamskriegs verbaut. Hey, das war Recycling, toll, wir haben sogar eine "grüne" Mauer. Außerdem schafft und sichert sie Arbeitsplätze. Das betrifft nicht nur die Grenzpolizei, sondern auch die Menschenschmuggler. Der Bedarf nach ihnen steigt stetig - mehr Polizisten und schärfere Grenzkontrollen erfordern natürlich mehr qualifizierte Schmuggler.

Unsere Mauer: Eine einzig wahre Job-Maschine, ökologisch korrekt. In Zeiten der Finanzkrise können wir uns einfach nicht leisten, unsere Mauer einzureißen.

Übersetzung: Christian Schlüter

Datum:  13 | 11 | 2009
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