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Marcia Pally schreibt: Wahlfreiheit macht unglücklich

Ethik in der Schule oder lieber Religionsunterricht? Es ist verrückt, aber eine Wahl zu haben ist der Freifahrtsschein zur Hölle. Von Marcia Pally

Nein zum Wahlzwang" - das klingt doch eigentlich richtig. So lautet auch der Slogan der "Pro Ethik"-Anhänger in der Debatte über den Religionsunterricht an Berliner Schulen. Das "Bündnis Pro Ethik" möchte an der bisherigen Praxis festhalten: gemeinsamer Ethikunterricht für alle, zusätzlicher Religionsunterricht für all jene, die das wünschen. Die "Initiative Pro Reli" dagegen schlägt eine klare Alternative vor: Entweder Ethik- oder Religionsunterricht, und letzterer entsprechend der jeweiligen Religionszugehörigkeit der Schüler.

Nun könnte man sagen, dass eine freie Wahl zu haben bedeutet, sich zwischen verschiedenen Möglichkeiten zu entscheiden - auch für die, sich nicht zu entscheiden. Von einer Wahl zu sprechen, zu der man gezwungen wird, geht in jedem Fall nicht. Aber hilft uns diese Einsicht weiter?

Eher nicht. Es ist verrückt, aber eine Wahl zu haben ist der Freifahrtsschein zur Hölle. Bedenken Sie nur, welche Möglichkeiten des Vergleichens und Bewertens sich eröffneten. Schüler würden mit ihren Klassenkameraden und Lehrern diskutieren, welche Fächer sie wählen. Es könnte sich so etwas wie kritisches Denken herausbilden.

Schlimmer noch, im Laufe der Jahre hätte man ganz verschiedene Ethik- und Religionskonzepte kennengelernt - und würde sich ein begründetes und unabhängiges Urteil erlauben können. Und wenn die Schüler dann ins Leben hinausgingen, wären sie autonome Persönlichkeiten - was für ein Irrsinn.

Wahlzwang dagegen ist gut. Junge Menschen sollten genauso entscheiden, wie es bereits ihre Eltern getan haben. Oder wie der Staat entscheidet. Bleiben Sie dort wohnen, wo Sie geboren wurden - der Staat sagt Ihnen schon, wann Sie weg dürfen. In der DDR ist das 45 Jahre lang gut gegangen. Oder zwischen verschiedenen Parteien wählen? Eigentlich reicht eine Einheitspartei, eine tolle Sache, denken Sie nur an die zwölf Jahre vor 1945.

Vor allem, was die Liebe angeht, müssen wir auf dem Wahlzwang bestehen. Hochzeiten sollten nur noch von den Eltern arrangiert werden. Aber halt, wäre dieser Zwang nicht wieder religiös begründet? Für Religionen aber wäre im neuen Einheitsgrau längst kein Platz mehr.

Übersetzung: Christian Schlüter

Von Marcia Pally ist erschienen: "Die hintergründige Religion. Der Einfluss des Evangelikalismus auf Gewissensfreiheit, Pluralismus und US-amerikanische Außenpolitik" (Berlin Univ. Press).

Datum:  20 | 3 | 2009
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