Aktuell: Bahn-Streik | Flucht und Zuwanderung | Tugce | Regionale Startseite
Möchten Sie zur mobilen Ansicht wechseln?
Ja Nein

Kultur
Nachrichten, Kritiken, Interviews aus Kultur, Feuilleton, Literatur, Kunst

10. Januar 2009

Marcia Pally schreibt: Wer bekam die anderen 3456 Briefe?

Marcia Pally lebt in New York. Sie ist Literaturwissenschaftlerin an der New York University.  Foto: fr

Die Gespräche in New York pendeln eintönig zwischen zwei Themen: Obama - die Finanzkrise. So geht es hin und her. Nun stellt sich heraus, dass offenbar nicht

Drucken per Mail

Die Gespräche in New York pendeln eintönig zwischen zwei Themen: Obama - die Finanzkrise. So geht es hin und her. Nun stellt sich heraus, dass offenbar nicht einmal die Chinesen bereit sind, weiter US-Schulden aufzukaufen. Das bisher schlimmste Opfer der Krise aber ist Fred Milani.

Milanis Unglück ist mehr als nur sein eigenes; es ist ein Symbol Amerikas. Der Migrant aus dem Iran hat ein Immobilienunternehmen aufgebaut, mit harter Arbeit, Wagemut und Beharrlichkeit, und er hat sich den amerikanischen Traum verwirklicht. Der nun in der Immobilienkrise platzte.

Tragischerweise muss er jetzt sogar sein eigenes Heim verkaufen - es handelt sich um eine gut 1500 Quadratmeter große Nachbildung des Weißen Hauses, komplett mit eigenem Oval Office, Truman-Balkon, Fußmatten mit US-Siegel, Lincoln-Schlafzimmer für Gäste, einem Parkplatz für 75 Autos, einer Wand, die mit der Emanzipations-Proklamation von 1863 bemalt ist, einem Gobelin, der das "Letzte Abendmahl" zeigt (Fred Milani ist zum Christentum konvertiert), und Hecken, in die die Worte "God loves you" geschnitten wurden. Die Ausstattung ist, wie die Geschichten des Emigranten Milani, reines Amerika. Wenn Ihnen der Stil gefällt, rufen Sie ihn an. Das Haus kostet 9,88 Millionen Dollar.

Es gibt aber noch ein weiteres Anzeichen für Amerikas Schwierigkeiten: Die Armee hat 7000 Briefe an Familien von Soldaten verschickt, die in Irak und Afghanistan umgekommen sind, und sämtliche Briefe sind an "Sehr geehrte Damen und Herren" gerichtet, als wär's eine Postwurfsendung. Die Schreiben, in denen auf Selbsthilfegruppen für trauernde Angehörige hingewiesen wird, sind insofern keineswegs tröstlich. Die Armee bemerkte den Fehler erst, als Familien selbst darauf aufmerksam machten.

Aber da ist noch eine Sache, die wirklich sehr beunruhigt. 3544 US-Soldaten sind in den beiden Kriegen bisher umgekommen. An wen also gingen die anderen 3456 Briefe?

Übersetzung: Judith von Sternburg

Von Marcia Pally ist jüngst erschienen: "Die hintergründige Religion.

Der Einfluss des Evangelikalismus

auf Gewissensfreiheit, Pluralismus

und US-amerikanische Außenpolitik" (Berlin University Press).

Zur Homepage

Anzeige

comments powered by Disqus
Anzeige

Anzeige

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen.

Times mager

Hallo

Von  |
Die Himmelsscheibe von Nebra. Trotzdem fotografiert!

Die Himmelsscheibe von Nebra, einst von Raubgräbern ausgebuddelt und zum Schleuderpreis verhökert, steht nach abenteuerlicher Reisegeschichte nun in einem stockdunklen Raum, den ein kräftiger Mann bewacht. Mehr...

Videonachrichten Kultur
Kolumne

Briefe des Philosophen Markus Tiedemann richten sich an Menschen extremer Glaubensüberzeugungen. Tiedemann ist Professor am Institut für vergleichende Ethik an der FU Berlin sowie Vorsitzender des Forums Fachdidaktik in der Deutschen Gesellschaft für Philosophie.

Service

Was läuft im Fernsehen? Wir haben Empfehlungen, Filmlisten - und den kompletten Überblick.

Talkshow-Kritiken auf einen Blick

Anzeige

Dossier

Rezensionen des FR-Feuilletons zum Bücherherbst 2014.

Kulturgeschichte
Karl, der Große

Karl der Große, geboren 748, beherrschte ein Reich, das vom Atlantik bis zur Elbe reichte, von der Nordsee bis Rom. FR-Feuilleton-Chef Christian Thomas beschreibt seine Herrschaft, die Reformen, seine Rolle als Gotteskrieger, die Bedeutung für Frankfurt - und nicht zuletzt derjenigen für Europa.

Teil 1: Bedeutender Mann im Gegenlicht
Teil 2: Sagenhafte Anfänge
Teil 3: Gewalt als Gottesdienst
Teil 4: Die Geschichte mit Karl

Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

Kino: Neustarts
FR-App und E-Paper

Bei uns bekommen Sie das neue iPad Air von Apple im Paket mit der preisgekrönten FR-App - einschließlich aller FR-Ausgaben im Layout der Zeitung als E-Paper.

Buchtipps