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Marcia Pally schreibt: Zeichen der Hoffnung

Es ist zum Verzweifeln. Eigentlich. Doch habe ich in diesem ganzen Missbrauchsschlamassel auch ein Zeichen der Hoffnung entdeckt - eine weltumspannende Einigkeit.

Marcia Pally lebt in New York. Sie ist Literaturwissenschaftlerin an der New York University.
Marcia Pally lebt in New York. Sie ist Literaturwissenschaftlerin an der New York University.
Foto: R.S.

Ich schlage die Zeitung auf und lese die Schlagzeilen: Sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche, Missbrauch auch bei der evangelischen Kirche im Rheinland, und dann sollen sogar die Taliban "tanzende Jungen" entführt und sich als Sexsklaven gehalten haben.

Es ist wie eine Epidemie, es ist zum Verzweifeln. Eigentlich. Doch habe ich in diesem ganzen Missbrauchsschlamassel auch ein Zeichen der Hoffnung entdeckt, den Keim für eine bessere, ja friedvolle Zukunft. Die Menschheit hat sich bislang nicht auf gemeinsame Werte verständigen können, weder moralische, religiöse oder politische. Von einem großen, harmonischen Miteinander waren wir bislang weit entfernt. Mit dem Kindesmissbrauch aber scheint doch eine Art Weltökumene bereits zu existieren. In diesem einen Punkt sind wir uns offenbar einig. Auf Grundlage dieser weltumspannenden Einigkeit sollte es gelingen, das Projekt vom ewigen Frieden endlich Wirklichkeit werden zu lassen. Seien wir nicht zimperlich!

Warum sollten wir unsere Feinde bekämpfen, wenn sie doch möglicherweise Kinder haben, derer wir uns bedienen können? Es wäre doch viel besser, wenn wir mit denen Handel treiben und Verträge schließen würden. Wir würden einfach den Kinderhandel legalisieren, und wer weiß, welche Deals außerdem noch möglich werden, wenn wir erst einmal Vertrauen gefasst haben. Von hier aus scheint mir der Weltfrieden nicht mehr weit entfernt zu sein.

Warum sollten wir unsere Feinde ausspionieren und sie dazu zwingen, Unsummen in ihre Sicherheit zu investieren und letztlich unser aller Freizügigkeit einzuschränken? Denn auch unsere Feinde werden über zahllose Gigabytes von Kinderpornografie verfügen, und an denen sollten wir uns doch ebenfalls erfreuen dürfen. Besser noch: Wir sollten ein internationales Austauschprogramm beschließen, mit dem wir uns gegenseitig über unsere Bestände informieren, sie vielleicht aber auch wie in einer großen digitalen Weltbibliothek ausleihen können. Und wer weiß, was wir dann noch alles austauschen Gewiss wären einige medizinische Informationen nützlich, schließlich sollen die Kinder ja etwas länger überleben.

Selbstverständlich ist es nicht länger sinnvoll, andere Religionen zu bekriegen, denn sie glauben ja genau wie die eigene an den Kindesmissbrauch. Von daher eröffnet sich die Möglichkeit, gemeinsame Missbrauchsrituale zu entwickeln - der Beginn der gegenseitigen Anerkennung und einer "goldenen Regel", wie sie sich der Philosoph Immanuel Kant nicht schöner hätte ausdenken können.

Nun haben wir dieses noble Ziel noch nicht erreicht, weil Katholiken, Protestanten und Muslime ihren Kindesmissbrauch immer schön für sich behalten haben. Sie haben eher gegeneinander oder nebeneinander her gearbeitet, statt sich zusammenzutun. Brüder, vereint sind wir stark und mögen uns versammeln - zum ewigen Frieden.

Übersetzung: Christian Schlüter

Autor:  Marcia Pally
Datum:  15 | 5 | 2010
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