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19. Februar 2013

Marjana Gaponenko: Diese Sprache ist ein Palast

 Von Judith von Sternburg
„Am Deutschen mag ich das Exotische“, sagt Gaponenko, hier beim Fototermin der Preisträger.  Foto: Yves Noir Photographie

Chamisso-Preisträgerin Marjana Gaponenko über das Lustwandeln im ausschweifenden deutschen Satzbau, den Vorteil, alt zu sein, und ihren ausgezeichneten Roman „Wer ist Martha?“

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Marjana Gaponenko, 1981 in Odessa geboren, begann mit 16, auf Deutsch zu schreiben. Auf Gedichte und Kurzprosa folgte 2010 ihr Debütroman „Annuschka Blume“ (Residenz). Für ihren ersten Suhrkamp-Titel „Wer ist Martha?“ erhält sie am 28. Februar den mit 15 000 Euro dotierten Adelbert-von-Chamisso-Preis der Robert-Bosch-Stiftung.

Die Förderpreise der Auszeichnung, die sich an Deutsch schreibende Autoren richtet, „deren Werk von einem Sprach- oder Kulturwechsel geprägt ist“, gehen an Matthias Nawrat und Anila Wilms.

Marjana Gaponenko hat in ihrer Mainzer Wohnung, Mehrfamilienhaus, draußen überall Bäume, drinnen überall Bücher, eine CD mit Aufnahmen der Pianistin Maria Yudina (1899–1970) eingelegt. „Sie spielt mühelos, wie mit bloßem Atem.“ Dazu gibt es vorzüglichen österreichischen Kaffee aus einem Service der Serie „Napoleon Ivy“.

Frau Gaponenko, beneiden Sie alte Menschen?

Nein, überhaupt nicht. Ich freue mich, dass ich noch relativ jung bin. Aber ich bewundere sie sehr. Vor allem die, die optimistisch und fröhlich sind, die cool sind. Ich versuche dann, sie mir in meinem Alter vorzustellen, und wie unter der Eiskruste des Alters die jungen Persönlichkeiten an die Decke pochen und rufen: Wir sind noch da, wir sind hier. Man darf sich nicht verbittern lassen. Ich habe solche Menschen kennengelernt, die im Zweiten Weltkrieg wirklich Schlimmes erlebt haben ...

Wie Ihr Romanheld Lewadski....

genau, und die trotzdem vergnügt sein konnten, mal einen kleinen Witz machten.

Rabenexperte Lewadski macht mehr als das. Er macht es sich so schön, wie niemand Ihres oder auch meines Alters es könnte.

Das ist der Vorteil, wenn man mit einem Bein im Grab steht. Man kann sich Blödsinn erlauben. Eine Reise in ein Grandhotel in Wien, das hätte sich Lewadski nicht träumen lassen, es hätte ihn vorher auch nicht interessiert. Es ist aber notwendig, damit er nach all den Jahren, in denen er sich nur mit Vögeln befasst hat, auch noch einige Menschen trifft.

Man liest die ersten Seiten und denkt: Die Autorin geht auf Nummer sicher, der Mann ist nicht nur 96, sondern krebskrank im Endstadium. Dann ist das aber ein Buch über Lebensfreude, Luxus und Freiheit.

Die Attribute verschärfen das Dramatische, vielleicht unnötigerweise. Todkrank muss er sein und außerdem steinalt. Jetzt blickt er auf sein bescheidenes Leben zurück und sieht, dass es ganz in Ordnung war. Als ich das Buch schrieb, war mir das allerdings noch nicht klar, da wusste ich nicht, in welche Kutsche ich eingestiegen bin.

Wie sah die Kutsche denn aus?

Es war eine Berline, ein typischer Reisewagen des 18. und 19. Jahrhunderts. Klar war: Ich schreibe über einen alten Herrn, der in einem Hotel seine letzten Tage verbringt. Ansonsten war ich voller Details durch meine Recherchen. Alles andere aber, die Geschichte und ihr Verlauf, kam beim Schreiben. Darum schreibe ich so gern, ich möchte auch einmal etwas erleben. Alles im Voraus zu wissen, wäre langweilig. Außerdem bin ich kein Architekt, dann wäre es etwas ganz anderes.

Während Ihr Held sich an der Bar des Imperial amüsiert, tauchen Sie selbst kurz an der Theke auf, als recherchierende Autorin. Lewadski und sein Begleiter interessieren sich allerdings überhaupt nicht für Sie.

Nein, sie sehen mich gar nicht.

Trotzdem drängt sich dadurch die Frage auf, wie Sie recherchiert haben. Haben Sie im Imperial übernachtet?

Aber ja, ich muss die Orte und Dinge, über die ich schreibe, unbedingt kennen. Ich habe in der Bar die Cocktails probiert, ich habe den Barkeeper und das Stubenmädchen getroffen, fast alle Figuren außer den Butler Habib. Ich weiß aber, dass es Butler im Hotel gibt und dass sie Zeitungen aufbügeln. Das kam mir irrsinnig vor, aber ich lernte, dass das gemacht wird, um die Druckerschwärze vom Papier zu bekommen. Es gehört in die Abteilung von Luxus und Ausschweifung. Ich recherchiere sehr lange, manchmal ein Jahr lang, manchmal recherchiere ich mich kaputt. Dann muss ich aufhören, sonst bin ich Rentnerin, bevor das Buch fertig ist. Aber ich will alles vor mir sehen, damit auch der Leser das kann.

Man könnte auf die Idee kommen, dass Sie in Ihrem Lewadski eine Art Idealleben entwerfen. Bescheiden, aber gelungen.

Es ist entscheidend, wie man mit sich selbst gelebt hat. Nicht auf das Ende kommt es an, sondern darauf, dass man anständig gelebt hat, davon bin ich überzeugt. Das gilt für jeden. Auch ich versuche, mich darauf vorzubereiten, dass ich irgendwann alt werde, vielleicht mein Gedächtnis verliere. Ich hoffe, dass mir die freundliche Art, die ich mir anerzogen habe, denn als Kind war ich ein bisschen grimmig, dann helfen wird. Dass sie mich nicht untergehen lassen wird. Eigentlich glaube ich doch, dass der Geist den Körper regiert.

Inwiefern waren Sie ein grimmiges Kind?

Ich war ein Einzelkind und habe viel allein gespielt. Grimmig wirkte es auf die anderen, ich war schweigsam. Ich habe mich gut benommen, nie um etwas gebeten. Damals gab es allerdings auch nicht viel. Ich habe ja das Glück, die Sowjetunion noch erlebt zu haben. Wenn ich zehn Jahre jünger wäre, könnte ich nicht über Lewadski schreiben, einen Menschen, der so bescheiden ist, sich über Kleinigkeiten freut. Mir ging es als Kind auch so. Peinlich, aber ich habe meine erste Banane mit Schale gegessen. Die Schale, muss ich Ihnen sagen, schmeckte gar nicht so schlecht. Die hat was. Solche Erfahrungen kann einem keiner nehmen.

Wann und wie sind Sie nach Deutschland gekommen?

Mit 19 Jahren, 2001, erhielt ich ein Literaturstipendium, in der Nähe von Münster. Da war ich sechs Monate. Meinen heutigen Mann hatte ich schon vorher in Odessa kennengelernt. Dann dachte ich mir, bleibe ich doch bei dem jungen Mann. Wir waren gemeinsam jahrelang in Krakau und Dublin. Man kann sagen, dass ich seit 2006 fest in Deutschland lebe.

Deutsch konnten Sie aber schon.

Damit fing ich mit 14 an in der Schule, zwei Jahre später habe ich schon Germanistik studiert. In der Ukraine sind wir mit 16 fertig mit der Schule.

Was gefällt Ihnen am Deutschen?

Das Exotische. Und dass ich jetzt anders denken kann. Es ist nicht der Klang, ich kann nicht sagen, dass ich Deutsch als schöne Sprache empfinden würde. Aber ich weiß sie zu schätzen, ich habe über sie gelernt, klarer, präziser zu denken. Ich kann meine Gedanken auf Deutsch unendlich verschachteln.

Weil es für Sie eine Kunstsprache ist oder wegen der Sprache selbst?

Beides. Die Schachtelsätze sind ein deutsches Phänomen, glaube ich. Das gefällt mir: ausschweifend zu sein, aber trotzdem hat alles seine Ordnung. Im Ukrainischen, beziehungsweise im Russischen, das meine Muttersprache ist, verliere ich oft den Faden. Wenn man da einen Satz beginnt, weiß man nicht, wie er enden wird. Wobei es natürlich eine schöne, weiche Sprache ist, aber auch, als hätten wir sprachlich eine Knochenerweichung. Auf Deutsch hat man die langen Sätze, in denen ich wandele wie in einem Palast mit vielen Zimmern. Es ist kein Zelt ohne Wände, es ist ein Palast. Ich weiß, wenn ich nach links laufe, muss ich am Ende nach rechts und komme wieder zurück. Ein tolles Gefühl. Es passt zu den preußischen Tugenden, die ich erst später kennengelernt habe. Ich versuche selbst, pünktlich zu sein, auch wenn es meist nicht funktioniert. Meine Mutter versteht das nicht. Wenn ich zu ihr sage: Du musst pünktlich sein, kommt das zu ihr wie aus einem fantastischen Bereich.

Haben Sie je auf Russisch geschrieben?

Nein. Ich würde es jetzt auch nicht mehr können, glaube ich, weil man die Sprache und den Wortschatz pflegen muss. Ich habe die Sprache wenig gesprochen in den letzten zehn Jahren. Auch unsere Schriftsteller lese ich in deutscher Übersetzung, ein doppeltes Vergnügen, weil ich die Übersetzungsleistung miterlebe.

Wie und wo schreiben Sie?

Ich verstehe nicht, wie sich Kollegen von mir auf die Terrasse eines Cafés setzen können und ihren Laptop aufklappen, um zu schreiben. Manche haben eine riesige Sonnenbrille auf, aber es blendet doch trotzdem wie verrückt. Es ist mir unbegreiflich, wie jemand da einen klaren Gedanken fassen kann. Ich bewundere es, aber ich glaube es nicht. Je älter ich werde, desto weniger kann ich Geräusche ertragen oder optische Reize. Ich schreibe gerne umgeben von alten, handwerklich gut gearbeiteten Gegenständen, die eine Verbindung zum Leben und zum Tod haben.

Dafür haben Sie gesorgt.

Ich kann auch nicht schreiben, wenn ich weiß, dass ich am Abend Besuch habe. Oder morgen. Übermorgen, ja, das geht. Vielleicht ist das dumm, vielleicht nehme ich das zu ernst. Obwohl ich es eigentlich gar nicht ernst nehme.

Es zwingt Sie jedenfalls zu einem sehr zurückgezogenen Leben.

Ich kann nicht mal auf unserem Balkon sitzen. Ich muss die Vorhänge zuziehen, weil ich mich sofort ablenken lasse, stundenlang den Vögeln zuschaue, den grünen Papageien, die es hier eigenartigerweise gibt. Wenn ich rausgehe, habe ich immer ein kleines Fernglas dabei. Ich beobachte gerne, aber nicht, wenn ich schreibe. Dann will ich ausschließlich sehen und hören, was in der Geschichte stattfindet. Ich schreibe also am Schreibtisch.

Woran arbeiten Sie gerade? Sie arbeiten doch an etwas?

Natürlich, ich schreibe an meinem dritten Roman. Ich bin fast fertig mit dem Recherchieren. Meine Protagonisten sind jetzt deutlich jünger. Einer ist 50, 51, ein Geschichtsphilosoph, der mit seinem Schüler durch Europa reist. Die Geschichte spielt teils in der Kutsche, teils in einem Gasthof. Er heißt möglicherweise „Zur letzten Träne“. Über dem Eingang baumelt ein Schild, darauf sieht man ein Auge, und in dem Auge ist ein Tannenzweig, der sich mit einer Vogelkralle kreuzt. In dem Gasthof gibt es einen Wirt mit einer Hasenscharte. Es wird auch um Bäume und Holzmöbel gehen. Es gehörte einmal zum guten Ton, Bäume zu erkennen. Warum das keine Blut-, sondern eine Rotbuche ist zum Beispiel. Beim Pilzesammeln war die Hand sicherer und das Auge geübter.

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