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Mark Bowden über Medien: "Information wird zur Waffe"

Mark Bowden unterrichtet Journalismus an der Loyola Universität. Seine Reportage über die Schlacht um Mogadischu, "Black Hawk Down", verfilmte Ridley Scott. Im FR-Interview spricht er über Medien, Demokratie - und Propaganda.

Dario Lopez-Mills von der Presseagentur ap wollte die honduranische Polizei  fotografieren, ein Reuters-Kollege  dokumentierte die Bedrohung.
Dario Lopez-Mills von der Presseagentur ap wollte die honduranische Polizei  fotografieren, ein Reuters-Kollege dokumentierte die Bedrohung.
Foto: rwr

Herr Bowden, Sie betreiben einen sehr aufwändigen investigativen Journalismus. Sie sind Monate, zum Teil Jahre für eine Geschichte unterwegs. Ist es durch die Medienkrise schwieriger für Sie geworden, diese Art von Journalismus zu praktizieren?

Nein, ich bin wegen des Erfolges meiner Bücher in einer sehr glücklichen Lage. Die Nachfrage nach meiner Arbeit ist noch immer groß. Es gibt zum Glück noch immer ein paar Zeitungen und Zeitschriften im Land, die bereit sind, Geld für ernsthaften, gründlichen Journalismus auszugeben. Ich gehöre aber zu einem sehr elitären Club.

Zur Person

Mark Bowden, Jahrgang 1951, schreibt für die Magazine "Vanity Fair" und "Atlantic" und unterrichtet Journalismus an der Loyola Universität.

Bowden wurde vor allem bekannt für seine Reportage in Buchlänge über die Schlacht um Mogadischu, "Black Hawk Down", die 2001 von Ridley Scott verfilmt wurde, sowie für sein Buch über die Jagd der CIA auf den kolumbianischen Drogen-Boss Pablo Escobar, "Killing Pablo".

In "Atlantic" hat Mark Bowden einen Essay zum "postjournalistischen Zeitalter" veröffentlicht. (sm)

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Es gibt also in den USA nur noch sehr wenige Journalisten, die so wie Sie arbeiten können.

Ich komme gerade von einer mehrtägigen Reise mit Vizepräsident Joe Biden zurück. Früher wäre bei einer solchen Reise ein ganzes Corps von Reportern dabei gewesen. Diesmal waren wir zu dritt - ich, ein Reporter von der New York Times und einer von der Washington Post. Es gab eine Zeit, in der jede wichtige Zeitung und die meisten großen Zeitschriften einen Stab an Reportern beschäftigte, die ernsthaften, investigativen Journalismus betrieben. Aber es werden immer weniger.

Das Kernargument in Ihrem Artikel in "Atlantic" ist, dass der Niedergang des seriösen Journalismus zu einer politisch hoffnungslos polarisierten Medienlandschaft führt. Ist das eine Widerspiegelung der Tatsache, dass die amerikanische Öffentlichkeit ohnehin stark polarisiert ist, oder ist sie wegen der Polarisierung der Medien so stark gespalten?

Ich glaube die beiden Dinge verstärken sich gegenseitig, aber als Reporter mache ich schon sehr stark den Niedergang des ernsthaften Journalismus für die immer extremere Spaltung der amerikanischen Öffentlichkeit verantwortlich. Anstatt Berichterstattung bekommen wir nur noch Polemiken von beiden Seiten. Es gibt im Fernsehen zur Hauptsendezeit heute keine Nachrichtensendung im eigentlichen Sinn mehr. Das, was sich dort als Berichterstattung ausgibt, ist nur noch Propaganda. Ich halte das für ein sehr ernsthaftes Problem. Der Zorn, mit dem diese Propaganda vorgetragen wird, tendiert sehr stark in Richtung Gewalt.

Glauben Sie, dass jeglicher soziale Konsens durch die Medienkrise und die damit einhergehende Polarisierung der Medien in den USA unmöglich wird?

Unabhängiger Journalismus spielt immer eine wichtige vermittelnde Rolle zwischen den verschiedenen Teilen der Gesellschaft. Eine kritische Masse an unabhängigen Publikationen ist für einen zivilisierten und intelligenten öffentlichen Diskurs wesentlich. Ohne einen lebendigen seriösen Journalismus ist die Wahrscheinlichkeit, dass es auf politischer Ebene eine Verständigung gibt, sehr gering.

Also hat es Barack Obama mit seiner Botschaft des Konsenses im momentanen Medienumfeld besonders schwer.

Mit Sicherheit. Ein talentierter Politiker wie er kann sich zwar bis zu einem gewissen Grad über die Dummheit hinweg setzen, die wir da im Kabelfernsehen geboten bekommen. Aber es ist ein zähes Ringen, vor allem, weil seine politischen Gegner alles dazu tun, diesen Medien in die Hände zu spielen.

Wie ist es dazu gekommen, dass auf allen Sendern Propaganda verbreitet wird?

In meinem Text im Atlantic habe ich an einem Fallbeispiel die Mechanismen geschildert: Eine konservative Propaganda-Organisation hat es geschafft, einen diffamierenden Video-Clip über die Oberste Richterin Sonja Sotomayor auszugraben und zu ihrer Amtseinführung in allen Sendern zu platzieren, nicht nur in den rechten Sendern wie Fox. Sotomayor scheint in diesem Clip etwas zu sagen, das konservative Verschwörungstheorien bestätigt: Sie sagt, dass von der Richterbank aus regiert wird. Natürlich war der Clip gezielt aus jedem Zusammenhang gerissen worden. In der Rede, aus der der Clip stammt, hat Sotomayor sehr sorgfältig existierende juristische Mechanismen beschrieben, ohne sie jedoch zu befürworten. Jeder, der sich die Mühe macht, den ganzen Vortrag zu hören, merkt das sofort. Die vermeintlich seriösen Sender haben diesen Clip nicht aus politischen Gründen verwendet, sondern entweder aus Faulheit oder weil sie nicht genügend Mittel hatten, um einen eigenen Beitrag zu produzieren. Also nehmen sie sich einfach diese Angebote aus dem Internet, die zwar nach Journalismus aussehen, in Wirklichkeit aber Propaganda sind. Je weniger die großen Nachrichtenorganisationen für ihre eigene Recherche bezahlen, desto anfälliger werden sie für derartige Dinge.

Der Sender Fox News mit seinen Hass-Shows steht an erster Stelle im Ranking der Einschaltquoten. Was ist die Attraktion solcher Sendungen, warum schauen die Leute sich das an?

Sie sind voller Konflikt und Drama. Das ist unterhaltsam. Wir verwischen in diesem Land die Grenze zwischen Journalismus und Unterhaltung schon seit so langer Zeit, dass die Leute das nicht mehr unterscheiden können, inklusiver vieler Journalisten. Als wir mit Joe Biden in Osteuropa waren, haben ihn Reporter aus der Region nach den Themen befragt, die ihnen wichtig waren, wie etwa die Erdgasleitung oder den Raketenschutzschild, also wirkliche Sachfragen. Das war für uns ein Aha-Erlebnis, weil wir das gar nicht mehr gewohnt sind. Zirkusgründer P.T. Barnum hat einmal gesagt, dass noch nie jemand Pleite gegangen ist, indem er die Intelligenz des amerikanischen Volkes unterschätzt.

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Datum:  14 | 1 | 2010
Seiten:  1 2
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