Redefreiheit ist das Privileg der Toten, das alleinige Recht der Toten. Sie können ehrlich aussprechen, was sie denken, ohne jemanden zu verletzen. Den Toten gegenüber sind wir wohlwollend gesinnt. Auch wenn wir mit ihren Äußerungen nicht einverstanden sind, greifen wir sie nicht an, verunglimpfen sie nicht, da wir wissen, dass sie wehrlos sind. Was würden wir nicht alles erfahren, wenn sie sprechen könnten! Denn käme zutage, dass in Gesinnungsfragen keiner der Dahingegangenen wirklich das war, für das man ihn im Leben hielt; dass er aus Furcht, aus weiser Überlegung oder aus Rücksicht auf die Gefühle seiner Nächsten lange Zeit bestimmte Ansichten vor seiner Umgebung geheim gehalten und sie mit ins Grab genommen hat. Und dann würde es den Lebenden plötzlich und schmerzhaft bewusst werden, dass auch sie, und mit ihnen ganze Nationen, tief im Innern nicht das sind, was sie zu sein scheinen - und es auch nie sein werden.
Die meisten von uns würden sich dieser geheimen Last gerne entledigen. Zu Lebzeiten können wir es nicht, aber was hindert uns daran, uns nach dem Tode diese Genugtuung zu verschaffen? Warum schreiben wir solche Dinge nicht in unser Tagebuch, statt sie geflissentlich auszulassen? Warum schreiben wir sie nicht auf und hinterlassen sie unseren Freunden?
Denn die Redefreiheit ist fürwahr ein erstrebenswertes Gut. Das wurde mir vor fünf Jahren in London bewusst, als Bürger, die anderer Ansicht waren, Sympathisanten der Buren - angesehene Männer, Steuerzahler und gute Bürger, die genauso wie alle anderen ein Recht auf ihre Meinung hatten - bei ihren Zusammenkünften angriffen und die Wortführer vom Pult zerrten und misshandelten.
Es wurde mir bewusst, als wir in Amerika Zusammenkünfte angegriffen und die Redner zusammengeschlagen haben. Und ganz besonders wird es mir zwei bis drei Mal im Monat bewusst, wenn ich etwas veröffentlichen will, und ein Gefühl der Schweigepflicht sich meiner bemächtigt und mir es verbietet. Manchmal staut sich so viel in mir auf, dass ich nicht anders kann, als zur Feder zu greifen und meine Gedanken und Gefühle zu Papier zu bringen, bevor sie mich ersticken, und dann war all die Tinte und Anstrengung vergebens, weil ich das Ergebnis nicht drucken lassen kann.
Ich stehe gerade im Begriff, eine solche Arbeit zu beenden, und ich bin mit dem Ergebnis hochzufrieden. Es tut meiner alten Seele gut, diese Zeilen zu lesen, und ich weiß, welcher Kummer eine Veröffentlichung für mich und die Meinen bedeuten würde. Ich werde es jedoch der Nachwelt hinterlassen. Im Grabe herrscht die Redefreiheit, und die Nächsten bleiben unbeschadet.
Übersetzung: Andrian Widmann
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