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Mark Twain: Das Privileg der Toten

Im Grab herrscht die Redefreiheit: Die FR publiziert eine bisher unveröffentlichte Geschichte von Mark Twain.

Am grünen Tisch eine geradezu kosmische Konstellation: Kein Problem für den großen Mark Twain, Bewegung in die Sache zu bringen.
Am grünen Tisch eine geradezu kosmische Konstellation: Kein Problem für den großen Mark Twain, Bewegung in die Sache zu bringen.
Foto: Getty

Im Grab genießt man ein Recht, von dem kein Lebender je Gebrauch macht: das Recht auf freie Rede. Genau genommen haben auch die Lebenden dieses Recht. Da sie aber sehr wohl wissen, dass es ihnen nur der Form halber zugestanden wird und sie es sich daher nie einfallen lassen würden, davon tatsächlich Gebrauch zu machen, kann man nicht wirklich von einem Recht im eigentlichen Sinne sprechen.

Vergleichbar wäre es mit dem Recht, einen Mord zu begehen: Wir können davon Gebrauch machen, wenn wir willens sind, die Folgen auf uns zu nehmen. Mord steht sowohl formal als auch in der Praxis unter Strafe. Die freie Meinungsäußerung ist formal erlaubt, aber in der Praxis verboten. Beide werden gemeinhin als kriminelle Handlungen erachtet und von allen zivilisierten Völkern zutiefst verabscheut.

Zur Sache

Von Mark Twain (1835-1910), Autor unter anderem von "Die Abenteuer Tom Sawyers", "Abenteuer und Fahrten des Huckleberry Finn" und "Leben auf dem Mississippi", ist noch immer nicht alles veröffentlicht.

Im April erscheint bei HarperStudio, eingeleitet von Robert Hirst, Leiter des "Mark Twain Project" an der Universität Berkeley, eine Sammlung unveröffentlichter Schriften unter dem Titel "Who is Mark Twain?". Dazu gehört auch unser hier erstmals auf Deutsch abgedruckter Text, der 1905 entstand.

Mord wird manchmal bestraft, freie Meinungsäußerung immer - wenn sie denn vorkommt, was nicht allzu häufig ist. Im Verhältnis stehen 5000 Morde zu einer einzigen Äußerung einer (unpopulären) Ansicht. Es gibt gute Gründe, eine unpopuläre Meinung für sich zu behalten: Sie kann einen Mann teuer zu stehen kommen; sie kann seinen geschäftlichen Ruin bedeuten und ihn der öffentlichen Schande aussetzen. Es besteht die Gefahr, dass seine Freunde sich von ihm abwenden, man seine Angehörigen von der Gesellschaft ausgrenzt und sein Haus ein von allen gemiedener, einsamer Ort wird. Jeder Mensch hegt in seiner Brust die eine oder andere unpopuläre Ansicht über Religion oder Politik. Und je intelligenter derjenige ist, desto schwerer trägt er an der Last dieser Ansichten, die er für sich behalten muss. Es gibt niemanden - der Leser und ich selbst eingeschlossen -, der nicht solcherlei missliebige Überzeugungen in sich hegt und pflegt und sie aus Vernunftgründen nicht ausspricht. Manchmal halten wir uns zurück aus Gründen, die uns zur Ehre gereichen, aber meistens schweigen wir, weil wir nicht bereit sind, die schweren Folgen einer unpopulären Äußerung auf uns zu nehmen. Niemand möchte gehasst werden, niemand möchte ausgestoßen sein.

Aus diesem Umstand folgt unweigerlich, dass wir, bewusst oder unbewusst, darauf konzentriert sind, unsere Meinung der unseres Nachbarn anzupassen, um seine Billigung zu finden, als darauf, unsere Ansichten wohlweislich auf Richtigkeit und Güte zu prüfen. Diese Sitte hat einen weiteren Umstand zur Folge: eine öffentliche Meinung, die auf solche Weise entsteht und verbreitet wird, ist nicht wirklich eine Meinung, sondern Politik. Hinter ihr steht weder Überlegung noch Grundsatz, und sie verdient keinerlei Achtung.

Wird der Öffentlichkeit eine völlig neue und noch unerprobte politische Idee vorgelegt, sind die Leute zunächst ängstlich, verunsichert und zaghaft und werden anfänglich schweigen und sich nicht festlegen. Nur eine kleine Minderheit wird sich die Zeit nehmen und die neue Ansicht eingehend prüfen, um sich selbst eine Meinung zu bilden; die meisten werden abwarten, um zu sehen, wofür sich die Mehrheit entscheidet. Als sich vor einem dreiviertel Jahrhundert im Norden (der USA, d. Red.) die Bewegung gegen die Sklaverei formierte, fand sie dort zunächst kaum Zuspruch. Weder Presse noch Kirche, ja fast niemand interessierte sich dafür. Man schwieg, weil man Angst hatte, sich zu äußern und als Folge davon ausgestoßen zu werden, und nicht etwa, weil man die Sklaverei billigte oder kein Mitleid für die Sklaven hatte. Denn niemand, weder der Staat Virginia noch ich selbst, bilden hier eine Ausnahme: wir schlossen uns der Konföderation an, nicht weil wir es gewollt hätten - denn das war keineswegs der Fall - sondern weil wir nicht gegen den Strom schwimmen wollten. Dies ist schlicht ein Naturgesetz, und wir befolgten es.

Der Wunsch, mit dem Strom zu schwimmen, ermöglicht politischen Parteien ihren Erfolg. Es gibt für die Mehrheit der Bürger keinen höheren Beweggrund, einer Partei beizutreten, es sei denn, die Mitgliedschaft des Vaters wäre einer. Der durchschnittliche Bürger beschäftigt sich nicht mit den politischen Leitsätzen einer Partei, und er tut gut daran, denn weder er noch ich wäre in der Lage, diese zu verstehen. Die Aufforderung, in verständlichen Worten zu erklären, warum er sich für diese oder jene politische Richtung entschieden hat, würde ihn in große Verlegenheit bringen. Das Gleiche gilt für die Frage der Zölle und für alle anderen wichtigen politischen Zusammenhänge. Denn alle großen politischen Fragen sind äußerst komplex - zu komplex für den normalen Bürger. Was kaum verwunderlich ist, denn sie sind selbst für die verständigsten Köpfe des Landes zu schwierig. Trotz all des Aufhebens und Diskutierens konnte nicht eindeutig entschieden werden, welche politische Ansicht die richtige und beste ist.

Ist ein Mann erstmal einer Partei beigetreten, wird er ihr in den meisten Fällen treu bleiben - selbst dann, wenn sich seine Meinung oder gar sein Empfinden ändert. Seine Freunde sind in der Partei, und ihnen gegenüber wird er seine neue Gesinnung für sich behalten und nach außen seine alten, inzwischen abgelegten Ansichten vertreten. Das sind die Bedingungen, unter denen er sein amerikanisches Recht auf freie Meinungsäußerung ausüben kann. Solche Unglücklichen gibt es in beiden Parteien, aber ihre Anzahl kennen wir nicht. Aus diesem Grunde können wir auch nicht wissen, welche Partei bei einer Wahl wirklich in der Mehrheit ist.

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Datum:  30 | 1 | 2009
Seiten:  1 2
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