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13. Dezember 2012

Martin Luther: Ain gros geschrai

 Von Dirk Pilz
Das Luther-Denkmal in der Lutherstadt Wittenberg. Foto: imago stock&people

Heinz Schillings wegweisende Biografie über Martin Luther, Kaiser Karl V. und die Frühe Neuzeit

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Größer hätten die Unterschiede nicht sein können. Hier ein 37-jähriger Theologieprofessor in Mönchskutte, dort der 16 Jahre jüngere Kaiser. Welten lagen zwischen diesen Männern vor 491 Jahren. „Völlig falsch“ ist aber die Vorstellung, Mittelalter und Neuzeit hätten sich dabei gegenübergestanden. Völlig falsch, weil hier zwei entgegengesetzte Konzepte aufeinander trafen, wie das Neue zu gewinnen sei.

Völlig falsch. Wer solche Behauptungen aufstellt, muss sich nicht nur in Leben und Werk sowohl des Professors als auch des Kaisers auskennen, er muss das Umfeld, die Zeit, die Hintergründe und Folgen ihres Aufeinandertreffens überblicken können. Er muss, um Überblick gewinnen zu können, Abstand haben und genaueste Detailkenntnisse besitzen. Es gibt niemand, der es besser könnte als der Berliner Historiker Heinz Schilling in seiner Biografie zu Martin Luther. Die Szene vor 491 Jahren, als sich Luther (1483-1546) und Kaiser Karl V. (1500-1558) auf dem Reichstag in Worms begegneten, ist für ihn die Schlüsselszene. Für Luther und für Karl V., weil beide am Anfang einer Aufgabe standen, die sie als universell begriffen. Für die Frühe Neuzeit und uns Heutige, weil damals jener „gewaltige weltanschauliche und institutionelle Differenzierungsschub“ in Gang kam, der die Moderne erst ermöglicht hat.

Berühmt ist der Wormser Reichstag dagegen für das entschiedene Auftreten Luthers. Der Kaiser erwartete den Widerruf seiner häretischen Lehre, die das Primat des Papstes bestritt und sich allein auf die Bibel, das Gewissen, die Gnade seines Gottes berief. Der macht mich nicht zum Ketzer, soll Karl gesagt haben, als er Luther am ersten Verhörtag „mit niderer stimm“ hörte. Am zweiten aber hielt Luther seine große Verteidigungsrede der protestantischen Sache. Er sei „gefangen im gewissen an dem wort gottes, derhalben ich nicht mag noch will widerrufen, weil wider das gewissen zu handeln beschwerlich, unheilsam und ferlich ist. Gott helf mir! Amen.“ Diese Sätze machten die Protestanten bis heute selbstbewusst, bänden sie allerdings auch, gerade im ökumenischen Dialog, so Schilling. Bereits damals hinterließen sie ungeheuren Eindruck; „ain gros geschrai“ soll sich in Worms erhoben haben. Die Öffentlichkeit durchfuhr „eine Welle der Lutherbegeisterung“, vor allem weil sie in von Luthers Wittenberger Mitstreitern ohne sein Wissen „genial zugespitzt“ wurde zu der griffigen Formel „Ich kann nicht anders, hier stehe ich, Gott helfe mir, Amen!“ Diese Luther-Legende ist prägend geblieben, die „Luthersocke“ wird noch immer gern gekauft.

Es sei an der Zeit, schreibt Schilling, diesen „Gedenkkult zu durchbrechen“. Es ist höchste Zeit, besonders mit Blick auf das 500-jährige Jubiläum des Thesenanschlags von 1517, das bundesweit größtmöglich und großzügig von öffentlichen Geldern unterstützt, gefeiert werden wird. Man muss fürchten, dass Luther einmal mehr im Gedenksumpf zum Erinnerungsmonolith erhoben wird. 500 Jahre Reformationsgeschichte – und noch immer wird Luther entweder hemmungslos vereinnahmt oder vereinfacht.

Das macht Heinz Schillings Buch wegweisend: Er hat nicht nur eine so gründliche wie gut lesbare Biografie geschrieben, er hat Luthers Denken und Handeln wie dasjenige seiner Zeitgenossen als das dargestellt, was sie für uns heute vor allem sind, sehr fremd, fern. Die Differenzen sind wichtig, um die Gemeinsamkeiten würdigen zu können. Luther dachte und handelte als ein „Mensch zwischen Gott und Teufel“. Die Gegenwart weiß mit dem Teufel nichts anzufangen und macht sich von Gott Vorstellungen, die Luther nicht begriffen hätte. Schilling tut also nicht, was die Geschichtswissenschaft und Theologie gern tun, Luther kurzerhand zu einem Unsrigen zu machen. Es lohnt sich, Hartmut Lehmanns Buch zum „Luthergedächtnis “ zu lesen – lauter Gruselgeschichten der Luther-Inanspruchnahme. Es lohnt auch, um Schillings Leistung zu begreifen: Er verortet Luthers Denken, seinen Antisemitismus genauso wie sein Politikverständnis, im Kontext der Zeit. Er trennt also Luthers Wirken immer von der Wirkungsgeschichte Luthers.

Erst so wird verständlich, dass sich Luther und Karl V. in Worms näher waren als die Legende will: Beide zielten, wenn auch in unterschiedlicher Weise, auf eine Reform der Kirche; nur aufgrund dieser Verschränkung der politischen und religiösen Motive, konnte die „Causa Lutheri“ zum Umbau von Kirche und Gesellschaft führen. Deshalb ist Schillings Buch nicht nur eine Luther-Biografie, sondern auch eine Geschichte der Frühen Neuzeit, jener Umbruchszeit, die Reformation heißt.

Spätestens seit Thomas Kaufmanns wichtiger„Geschichte der Reformation“ (2009) hat sich zwar herumgesprochen, dass Luther die Zentralgestalt der Reformation, diese aber keine Luthergeschichte ist. Die Reformation ist ein Prozess verschiedener Reformen, vom Medienwandel bis zum wachsenden Selbstbewusstsein des Bürgertums. Luther war dabei stets die „Projektionsfläche vielfältiger Sehnsüchte, Hoffnungen, Feind- und Traumbilder“, wie Kaufmann jetzt in einer äußerst präzisen Studie zum „Anfang der Reformation“ schreibt. Wer über die theologischen und medientheoretischen Feinheiten dieses Prozesses Bescheid wissen will, muss Kaufmanns Buch lesen. Wer sich jedoch ein Bild vom Rebell Luther und seiner Zeit wünscht, wird an Schillings Buch nicht vorbeikommen: Sein Luther ist nicht nur Medienstart und Bestsellerautor, er ist ein politischer Umstürzler wider Willen.

Denn Luther kehrte laut Schilling die „eingerissene Verweltlichung der Religion“ unter den Renaissancepäpsten um in „eine prinzipielle Welthaftigkeit der Religion“. Wenn die Rede von einer „Wiederkehr der Religion“ je Sinn ergab, dann in Bezug auf Luther. Die Reformation löste damit zum einen jene Differenzierungsschübe aus, die „in erster Linie“ dem frühmodernen Staat zu gute kamen. Sie etablierte aber zum anderen ein „bedingungslose Verlangen nach dogmatischer Reinheit“, das kirchlich, gesellschaftlich und politisch die „gestaltende Kraft der werdenden Neuzeit“ wurde.

Es ist dieser Reformprozess, den Schilling schildert: wie aus Befreiung neue Freiheiten und neue Zwänge entstehen. Langfristig förderte Luther zwar „die Wende hin zu Säkularität, Pluralität und Gewissensfreiheit der Moderne“, aber dies entsprach nicht seinen Zielen. Völlig falsch wäre daher ein Geschichtsbild, das von einer „Ausrichtung der Geschichte auf das Ziel einer wie auch immer zu definierenden Moderne“ ausgeht. Es waren Denker wie Hegel oder Leopold von Ranke, die Luther im 19. Jahrhundert zum „Heros einer neuen Zeit“ machten. Das ist, zeigt Schilling, an den historischen Tatsachen vorbeiphantasiert. Sein Buch nimmt diesen Phantasmen jede Grundlage. Endlich.

Die Bücher

Heinz Schilling: Martin Luther. Rebell in einer Zeit des Umbruchs. C.H. Beck, München 2012, 714 S., 29,95 Euro.

Thomas Kaufmann: Der Anfang der Reformation. Mohr Siebeck, Tübingen 2012, 676 S., 139 Euro.

Hartmut Lehmann: Luthergedächtnis 1817 bis 2017. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2012, 328 S., 89,99 Euro.

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