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30. Oktober 2016

Martin Luthers Reformation: Der Islamismus des Christentums

 Von 
Das Lutherhaus im thüringischen Eisenach.  Foto: epd

Der Islam bedürfe einer Reformation, heißt es immer wieder. Darin drückt sich ein großes Missverständnis dessen aus, was die Reformation war: der fanatische Versuch der Wiederherstellung der reinen Lehre.

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Am kommenden Montag, den 31. Oktober 2016, wird das Reformationsjubiläum in Berlin eröffnet werden. Das ist eine von Hunderten Veranstaltungen, mit denen an den Beginn der Reformation am 31. Oktober 1517 erinnert werden soll. Es ist das Datum des berühmten Anschlags der 95 Thesen Martin Luthers (1483 - 1546) an die Schlosskirche zu Wittenberg.

In der Einladung zur Auftaktveranstaltung heißt es: „Bund, Länder, Kommunen, die evangelischen Kirchen in Deutschland und die Zivilgesellschaft begehen das Reformationsjubiläum gemeinsam und eröffnen es feierlich am 31. Oktober 2016 in Berlin.“ Ein Gutteil der Reformationsgeschichte steckt schon in diesem Satz. Die Reformation ist kein innerkirchliches, nicht einmal ein nur-religiöses Ereignis. Sie ist ein Staatsakt, bei dem der Bundespräsident, einst ein protestantischer Pfarrer, die Festrede hält. Im Jahre 2000 hatte es keine vergleichbare Veranstaltung zur Feier der Geburt Christi gegeben. Die Verbindung von Landesherrn und protestantischer Kirche ist besonders eng.

Ohne die frühe, sein Leben rettende Unterstützung durch sich auf seine Seite schlagende Fürsten, wären Luthers Reformation und ganz sicher er selbst bald erstickt worden. Die in Luthers Tradition stehenden protestantischen Kirchen haben wie ihr Ahnherr darum immer wieder sehr treu an der Verbindung von Thron und Altar festgehalten.

Der oberste Priester war in den meisten protestantischen Staaten praktischerweise Jahrhunderte lang der Landesherr selbst. Dass die Kirchensteuer in Deutschland vom Staat eingezogen wird, ist eines der Überbleibsel dieser Tradition.

Luther war entflammt

Es heißt heute immer wieder, der Islam bedürfe einer Reformation. Darin drückt sich ein völliges Missverständnis dessen aus, was die Reformation war. Die Reformation war der Islamismus des Christentums. Sie war der fanatische Versuch der Wiederherstellung der reinen Lehre. Luther war kein kritischer Kopf. Er war entflammt. Und er setzte andere in Flammen.

Die Welt ging aus den Fugen. Die Entdeckung (1492) und Eroberung (Tenochtitlán 1525) beider Amerikas und ihrer Bewohner, über die sich kein Wort in der Bibel fand, veränderte nicht nur das Weltbild, sondern auch die Lebensverhältnisse in Luthers Heimat. Er war aufgewachsen in Mansfeld, als Sohn eines Mineninspektors. Der Ort, in dem nur zwei- bis dreitausend Menschen wohnten, war eines der bedeutendsten Zentren der europäischen Silber- und Kupferproduktion. Ein Viertel des europäischen Kupfers wurde in Mansfeld gefördert. Das änderte sich schnell, als die Silber- und Kupfervorkommen Lateinamerikas erschlossen wurden. Mansfeld verarmte.

Luthers Zeitgenosse Nikolaus Kopernikus (1473 - 543) hatte den Himmel selbst revolutioniert. Giordano Bruno (1548 - 1600) philosophierte über die Unendlichkeit des Weltraums und die Ewigkeit der Welt. Es sind auch diese Umwälzungen, gegen die Luther ansingt: „Ein feste Burg ist unser Gott“. Luther war nicht der einsame Kämpfer gegen eine geschlossene Welt, der Rebell gegen eine einzige, alles beherrschende Hierarchie, als den ihn die protestantische Tradition gerne darstellt. Es war nicht Luther, der die Welt aus den Fugen brachte, sondern er war einer von denen, die sie wieder richten wollten. Dass er dadurch half, sie zu Fall zu bringen, lag weit außerhalb seiner Absichten, ja seines Horizonts. Er rief dieser immer schneller – niemand wusste wohin – hetzenden Welt zu: Halt! Halt! Zurück!

Der neuen Unübersichtlichkeit setzte er ein 120 dicke Bände umfassendes Werk entgegen, dazu kommen elf Briefbände und sechs Bände (1400 Seiten) Tischgespräche, seine beiden „sola“ entgegen. Sola gratia. Nur die Gnade. Und „sola scriptura“, nur die Schrift. Selig werden wir nicht durch unseren Glauben oder unsere guten Taten, sondern allein, weil der Herr, weil Gott sich unserer erbarmt. Er ist gnädig mit uns. Jeder von uns hat die Hölle, die ewige Verdammnis verdient. Aber Gott vergibt uns – oder auch nicht.

Das „sola scriptura“ meint, dass keine kirchliche Tradition, kein Priesterwort, kein päpstlicher Erlass wirklich zählt. Es kommt allein auf das an, was in der Schrift steht. In den Büchern des Alten und des Neuen Testamentes. Von einer kritischen Bibellektüre kann keine Rede sein. Luther predigt einen Schriftfundamentalismus, wie wir ihn heute in vielen Sekten der verschiedensten Religionen finden. Die Etablierung von Heiligen Texten gebiert fortwährend diese Art mörderischer Texttreue. In der Praxis freilich nimmt sich jeder dieser Textfundis die Freiheit einer freieren Interpretation.

Mit Aufklärung hatte Luther nichts zu tun

„Und wenn die Welt voll Teufel wär und wollt uns gar verschlingen, so fürchten wir uns nicht so sehr, es soll uns doch gelingen“, geht es weiter in „Ein feste Burg ist unser Gott“. Die Welt war für Luther voller Teufel. Das war keine Metapher, sondern er sah Satan ganz real. Er fühlte sich unentwegt angegriffen von ihm, und er trat ihm entgegen mit dem Wort Gottes, einem Bibelzitat also oder einem Gebet. Leben – das hieß für Luther den Teufel bekämpfen. Den uns von allen Seiten attackierenden und den in uns agierenden Teufel. In der 4. der 99 Thesen vom 31. Oktober 1517 heißt es, die wahre, innere Buße sei der Hass des Menschen gegen sich selbst.

Der Christ, wird gesagt, stehe bei Luther ohne Vermittlung dem Allmächtigen gegenüber. Das stimmt und es stimmt nicht. Man radikalisiert diese Ansicht leicht, wenn man Luthers andere Lehre – „alle Obrigkeit kommt von Gott“ – nicht mitliest. Schon als Luther sich auf der Wartburg versteckte und die Bibel übersetzte, hatte sein Schüler Andreas Rudolf Bodenstein, genannt Karlstadt (1486 - 1541), Luthers Reformen – für dessen Geschmack – zu weit getrieben. Die sozialen wie auch die religiösen. Kaum zurückgekommen nach Wittenberg, reformierte Luther die Reformen und verstieß Karlstadt. Das war im März 1522. 1524 als es in vielen deutschen Ländern zu Bauernaufständen kam, wetterte der Reformator gegen die „mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern“. Thomas Müntzer dagegen machte sich zu deren Sprachrohr. Kein Wunder, dass die frühe DDR auf ihn, statt auf den ständig mit den Fürsten kungelnden Luther setzte. Luther war für Reform, nicht für Revolution.

Mitten in den Bauernkriegen entschloss sich Luther zur Heirat. Das war vielleicht noch wichtiger als das „solo scriptura“ und wichtiger auch als das „sola gratia“. Es war die Schaffung einer der wichtigsten sozialen Institutionen der mitteleuropäischen Neuzeit: des protestantischen Pfarrhauses. Der bald in Hunderte religiöse Gemeinschaften zersplitterte Protestantismus, den die Landeskirchen nur mühsam bezähmen konnten, hatte doch immer und bald überall auf der Welt diesen einen zentralen Ort: die Pfarrersfamilie, das Pfarrhaus. In einer Gesellschaft, die sich stützt auf die Einheit von Thron und Altar, erscheint die Pfarrfamilie ganz selbstverständlich als deren Stammzelle.

Man darf bei der Erwägung von Luthers Einfluss nicht nur auf die Schriften blicken, auf seinen Hass gegen die Juden, die sich seiner Reform verschlossen hatten, auf seine wütenden Attacken auf „den Türcken“, man muss ihn als Figur sehen. Ein Mann, der Kaiser und Papst nicht nachgibt, sondern ihnen entgegentritt. Ein Wutbürger, der seiner Wut Ausdruck zu geben weiß. Ein Mann, der gerne Bier trinkt, der unter anderen Umständen womöglich wie einer seiner Onkel bei einer Wirtshausrauferei gestorben wäre. Ein Mannsbild, ein Kerl, einer, der alles tut, was ein Intellektueller tut, der aber zugleich ein richtiges Mannsbild ist, ein ganzer Kerl mit einer über lange Tische tragenden Stimme.

In so einem erkannten sich Jahrhunderte lang viele Deutsche wieder. Nicht in dem hageren Calvin, nicht im klug abwägenden Melanchthon. Mit Aufklärung hatte dieser Luther nichts zu tun. Was es von ihr gab, den Humanismus, hat er bekämpft. Die Aufklärung kam in Gang, als die Kriege um die richtige Religion Europa zerstört hatten, als man es satt hatte, sich um einen Gott zu streiten, der sich einem jeden anders offenbarte, als klar wurde, dass man, wollte man überleben, mit einander auskommen musste. Das sind immer wieder die Augenblicke der Wahrheit. Der 31. Oktober 1517 war keiner davon.

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