Nach Romanen, Erzählungen und Theaterstücken hat Matthias Zschokke jetzt ein Reisebuch der besonderen Art veröffentlicht. In seiner Eigenschaft als Autor, der sich auch dem Neuen vom Tage nicht verschließt, und als writer-in-residence war er in 23 Orten zu Besuch, wobei auffällt, dass "Kindheit" in der Namenliste auch als Topos rangiert. Die Verbindung zur Schweiz, wo Zschokke aufgewachsen ist, reißt nicht ab; sie ist für den seit 1980 in Berlin Ansässigen evident; was aber nicht ausschließt, dass Zschokkes Aufzeichnung Schwerpunkte hat, die nicht nur auf längere Aufenthalte an Ort und Stelle zurückzuführen sind. Es hat aber mit alternativen Lebensformen der arabischen Welt und des amerikanischen way of life zu tun, dass Zschokke aus diesen Begegnungen Lektionen für sich und seine Leser zieht.
In jedem Text dieses literarischen Lokalaugenscheins stellt ein Stichwort den Anschluss an eine neue Ortserkundung her, sodass in der Vielfalt eine Einheit sichtbar wird - auch ein roter Faden, der kühne Krümmungen hat, doch stets der Verknüpfung von Gedanken und Erinnerungsbildern dient. So gelingt par exemple der Sprung vom schweizerischen Guggisberg zum portugiesischen Porto: Während dort der Erzähler sich einbildet, einen Fado in der Luft zu hören, wird das Lied hier analog gesungen.
Die Frage, welche Dinge denn nun als "wesentlich" gelten können, taucht wörtlich oder sinngemäß in den meisten dieser Miniaturen auf; Zschokkes Antwort hat die Reisenden im Visier, die um Buspackungen und Ballermannstrände einen großen Bogen machen. "Bislang begeistert mich fast alles, obwohl eigentlich wenig dazu angetan ist, einen zu begeistern." Wie Zschokke seinen Aufenthalt in Amman auf den Punkt bringt, spiegelt eine Grundhaltung, die, mutatis mutandis, dieses Reisetagebuch von anderen Beispielen einer literarischen Topographie unterscheidet.
Zschokke kommt es darauf an, der Physiognomie eines Ortes oder einer Landschaft habhaft zu werden; da spielt das Resultat dieser Erkundungen keine Rolle. Ob es nun Lustgewinn oder Verstörung bedeutet: Es zählen die Erfahrung und die Einsicht, nicht das Wohlbehagen, das die Prospekte mit einem Unwort verheißen. Wo aber "Raum und Ruhe" geboten werden, ist der Genuss des Reisenden perfekt; daraus macht Zschokke auch nie ein Hehl. Doch will er alles wissen und geht den Dingen auf den Grund. Aber: "Einfach die Zeit verstreichen lassen. Alttestamentarisch. Nur ruhiges Gefühl der Gegenwart ist Glück."
Doch das ist ein weites Feld. Was aber Zschokke betreibt, ist eine Art Grundlagenforschung, die auch Daten und Fakten nicht ausschließt. Gerade im irdischen Genuss, der auch fundamentale Bedürfnisse wie Essen und Schlafen mit einbezieht, sieht er die Voraussetzung für Höhere Studien.
Wo Zschokke sich mit einem Zwischenhalt begnügen kann, haben seine Reports die Funktion einer Fußnote; sie gönnt dem mitreisenden Leser eine Atempause vor größeren Unternehmungen, wie sie sich in den Texten über Budapest, Amman und New York spiegeln. Die Metropole am Hudson River erscheint in Zschokkes Buch als der Angelpunkt aller Exkursionen, sozusagen das Maß, an dem das limitierte Leben in der Fremde gemessen wird. Was hält ihn dort wach?
Nicht etwa das "falsche Essen", sondern "die wachsende Einsicht in die Dinge"; und das hat für den um den Schlaf Geprellten die Konsequenz, dass "die Seele alles betrübt, sobald sie anfängt, darüber nachzudenken". Es ist unerlässlich, gerade auf solche vereinzelte Passagen aufmerksam zu machen, weil sie imstande sind, mögliche Missverständnisse über einen Autor auszuräumen, der sich immer wieder als Melancholiker zu erkennen gibt, allem Genießen zum Trotz. Zschokkes Einschätzung von Existenz führt zu radikalen Schlussfolgerungen: "Zuletzt werde ich es ablehnen, am Leben überhaupt noch in irgendeiner Weise teilzunehmen, weil dieses, wie die Erfahrung lehrt, schlechter ist, als es sein müsste " Doch was den Anschein von Weltverweigerung hat, ist letzten Endes die ultima ratio von Welterfahrung: "Unerkannt auf Kanapees wesentliche Momente der Welt betrachten "
Diese Quintessenz von Zschokkes Roman "ErSieEs" (1986) liefert auch den Schlüssel zum Gesamtwerk des Autors; "Auf Reisen" ist keine Ausnahme. Im Gegenteil: Hier erlebt Zschokke vollmundig, was Gegenwart ist; der ursprünglichen Bedeutung dieses Zeitbegriffs - "Anwesenheit", "Nähe" - wird jede Seite dieses Logbuchs gerecht. Sein Autor schaut weder zurück, noch verschwendet er einen Gedanken daran, "dass etwas anders werde". Kein Wunder, dass Zschokke in diesem Kontext ein schönes Paradoxon findet: "Hoffnungslos zu sein, wie erholsam." Das hat weder mit Resignation noch mit Fatalismus zu tun; doch sehr viel mit Vernunft und einem jenseits aller beschilderten Routen stattfindenden Umgang mit dem Wirklichen.
In New York verfügt der Gast über genügend Zeit, um den divergierenden Ansichten der "Riesenstadt" Farbe und Kontur zu geben. Zschokke, der Theatermann, kommt in Manhattan voll auf seine Rechnung; er macht kein Hehl daraus, dass er, was Bühnenpraxis und Darstellung angeht, hier am Broadway in seinem Element ist. "Die Möglichkeiten sind so vielfältig, dass ich nicht weiß, wo anfangen." Dass aus diesem Geständnis ein reizvolles New Yorker Quodlibet entstanden ist, bedarf keines weiteren Kommentars.
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