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Mauricio Kagel: Vom heiligen Furor der Kritik

In Köln stirbt der deutsch-argentinische Komponist Mauricio Kagel, der sich der Kritik an den musikalischen Konventionen verschrieben hatte und gegen das pseudokulturelle Brimborium zu Felde zog.

Als er 1957 mit einem DAAD-Stipendium nach Köln kam, war er einer unter vielen jungen Komponisten, die in der heute schon historisch verklärten Epoche der seriellen Musik in Mitteleuropa ihr Heil und den ästhetischen Fortschritt suchten. Aber dem jungen Mauricio Kagel, der aus dem fernen Buenos Aires als völlig Unbekannter in eines der Zentren der Neuen Musik wallfahrtete, ging es nicht allein darum, sich technisch zu vervollkommnen. Die Kritik an den Konventionen, an der Musik der "Klassiker" der Moderne, ja selbst an Arnold Schönberg (Pierre Boulez: "Schönberg ist tot.") war ihm nicht genug.

Bald war ihm auch die so fortschrittliche Neue Musik zu konventionell, vor allem aber der zunehmend ökonomisierte Betrieb des Musiklebens. Man müsse, so dachte er, diese Konventionen, die Rituale des Musikmachens, des Musikhörens und des Musik-Vermarktens, nur einmal als solche vorführen, also das Alltägliche theatralisieren, um die schwachsinnige Komponente des ganzen kulturellen und pseudokulturellen Brimboriums zur Kenntlichkeit herauszutreiben.

Dieser fundamentalkritische Ansatz interessierte Mauricio Kagel. Er ergriff von seinem schöpferischen Denken Besitz und prägte seine ganze sich künstlerisch äußernde Persönlichkeit. Er zog alles durch den Kakao, und wo Ernsthaftigkeit gefragt war, lieferte er die ästhetisch griffigen, überzeugenden Argumente in seinem künstlerischen Tun. Er schrieb Musik über Musik, er entlarvte, wo andere seelenvoll liebten, aber er hörte auch nicht auf, Musik zu machen - denn letztlich liebte er sie natürlich auch, wenn auch oft durch die Maske des Harlekins, des Eulenspiegels, des intellektuellen Dandys, dem nichts heilig war, weil er recht eigentlich vom heiligen Furor der Kritik besessen blieb, um das unheilige Kostüm von Allerheiligsten der Kunst herunterzureißen.

Mauricio Kagel wurde am 24. Dezember 1931 in Buenos Aires geboren, seine Vorfahren waren aus Russland eingewanderte Juden. Er absolvierte musikalische Studien, arbeitete am Teatro Colón in seiner Heimatstadt, war als Komponist aber mehr oder weniger Autodidakt. Nach ersten Aufsehen erregenden Kompositionen landete er mit dem Bühnenwerk "Staatstheater" (1970 in Hamburg aus der Taufe gehoben) einen Sensationserfolg.

Es gab darin keine opernspezifische Handlung, aber es gab opernspezifische Aktionen, die so karikiert wurden, dass sich jeder betreten fragen musste, wieso man dergleichen Jahrhunderte lang begeistert angesehen hatte. Kagel hakte mit ähnlichen Werken nach wie dem Musikfilm "Ludwig van", mit "Klangwehr" für schreitendes Musikcorps (Pro musica nova Bremen 1970), mit den "Zehn Märsche, um den Sieg zu verfehlen", mit "Zwei-Mann-Orchester", mit kleineren szenischen, aber auch radiofonen Werken wie "Hörspiel: ein Aufnahmezustand" oder "Der Tribun" - Werke, für die er unter anderem mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden und dem Karl-Sczuka-Preis des Südwestrundfunks ausgezeichnet wurde.

Etwas lyrischer wurde es mit der Liederoper "Aus Deutschland", worin er die Texte deutscher Lieder auf der Bühne inszenierte, was manches hehre Kulturgut ins berechtigt kitschig zu Nennende herunterbog. Aber später kam auch durchaus Ernstes dazu: drei Streichquartette, die "Etüden für Orchester", Werke für Klavier; dazwischen wieder Humoristisches wie die "Stücke der Windrose" für Salonorchester oder die Farce "Entführung im Konzertsaal".

Still wurde es um den über Siebzigjährigen nie. Dass er nun, am 18. September, nach langer Krankheit, aber doch unerwartet plötzlich verstorben ist, 77 Jahre alt, wird die Akte Kagel auf keinen Fall schließen: Zu umfangreich ist sein Oeuvre, zu vielfältig, vor allem aber zu anregend, zu intelligent, um in den berüchtigten Schubladen der Musikgeschichte zu verschwinden. Kagel ist tot - es lebe Kagel!

Autor:  HARTMUT LÜCK
Datum:  19 | 9 | 2008
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