Neulich wollte die ARD auf chinesische Bilder zurückgreifen. Avisiert war Material, das der Staats-Sender bereits ausgestrahlt hatte. Wer nun denkt, dieser "Kollegendienst" dürfte kein Problem sein, weil die Bilder schließlich für das eigene Volk freigegeben waren, täuscht sich: Ein Mitarbeiter des regimetreuen Senders sagte den Deutschen frei heraus: "Wir geben kein Material weiter, dass möglicherweise dem Ansehen unseres Landes schaden könnte."
Das Beispiel zeigt: Obwohl China dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) nach der Vergabe der Spiele an Peking weitreichende Zugeständnisse machen musste und dafür zum Januar 2007 etwa ein deutlich liberaleres Pressegesetz einführte, hält sich der kommunistische Apparat nach wie vor bei der Kontrolle der ausländischen Medien nicht zurück.
Das trifft natürlich auch Reporter von ARD und ZDF, die im Vorfeld des Events verstärkt aus dem Reich der Mitte berichten wollen. "Absolut inakzeptabel" nennt einer der öffentlich-rechtlichen Reporter, was er und seine Kollegen bei ihren Recherchen erleben. Um ihre Arbeit nicht weiter zu erschweren, verzichtet die FR auf Namensnennung.
Mehrere, teils leitende Mitarbeiter von ARD und ZDF bestätigen, dass die Behörden für Journalisten-Genehmigungen nicht nur Daten wie die Reisedauer abfragen. Die Visa-Abteilung des Olympischen Medien-Zentrums in Peking fordert Reporter in einem Standardschreiben auf, einen "coverage plan" einzureichen, einen Rechercheplan. Ausdrücklich werden Angaben zu Personen oder Institutionen verlangt, mit denen die Journalisten sprechen möchten - inklusive Interview-Orten und Zeitpunkten. Außerdem interessieren sich die Behörden dafür, wer die Recherchen zu welchem Teil bezahlt.
Zusammengenommen bedeutet das: Reporter müssen vor ihren Recherchen zwar nicht jedes Gespräch genehmigen lassen, wie das vor Einführung des neuen Pressegesetzes noch der Fall war, aber sehr wohl detaillierte Drehpläne einreichen. Das widerspricht komplett dem westlichen Verständnis von Pressefreiheit. Immerhin ist so nicht unwahrscheinlich, dass die Behörden, die sich von den Gesprächen vorab in Kenntnis setzen lassen, Interviewpartner warnen, beeinflussen oder abziehen.
In den Sendern spricht man einerseits von einer "großen Verwunderung". Andererseits müssen sich ARD und ZDF die Frage gefallen lassen, warum sie dieses Problem bislang nicht in den eigenen Sendungen thematisiert haben.
Nun haben Journalisten selbstverständlich Möglichkeiten, dem chinesischen Kontroll-Wahn zu entfliehen. Ein leitender Redakteur etwa beschreibt, er habe "diese Angaben zwar eingereicht habe, damit meine Leute vor Ort arbeiten können - dazu gibt es ja keine Alternative". Gleichzeitig sagt er aber: "Manchmal ergeben sich die Dinge ja vor Ort anders als geplant." Will heißen: Statt den angegebenen "Beauty-Shots" von Sehenswürdigkeiten gehen die Rechercheure schon mal eigenen, nicht angemeldeten Themen nach. Dabei soll es bisher zu keinen ernsthaften Problemen gekommen sein.
Manche Reporter, die von solchen Einsätzen zurückgekommen sind, haben sogar gute Nachrichten im Gepäck. Sie berichten, vor Ort nicht beobachtet worden zu sein. Hinter den Journalisten laufen offensichtlich also keine Schlapphüte mehr her. Das war vor wenigen Jahren noch ganz anders. Allerdings geben einige Reporter an, sie hätten sich "schon gewundert, wie häufig jemand in unseren Hotelzimmern war". Ob das Personal nun spitzelte oder nur die Sache mit dem Zimmer-Service zu ernst nahm, könnten sie aber nicht mit Gewissheit sagen.
Trotz mancher Lockerung bleibt es schwierig, sich als Journalist in China zu bewegen. Ein Korrespondent, der mit seinem dauerhaften Journalisten-Visum nicht ständig Recherchepläne vorlegen muss, sagt: "Selbst wenn wir heute nicht mehr für jedes Gespräch eine Genehmigung brauchen, macht uns das die Sache nicht wirklich einfacher." Mit "dieser neuen Freiheit" nehme nämlich zugleich der Druck auf die Informanten zu. "Wir müssen uns da unserer Verantwortung bewusst sein."
Damit spricht er vor allem seine Kollegen aus den Heimatredaktionen an, die mal eben zu den Spielen einfliegen und anschließend so schnell wieder verschwinden, wie sie gekommen sind. Seine Befürchtung: Diese Kollegen könnten im Eifer des Gefechts ihre Sensibilität ablegen. "Es geht aber mehr denn je darum, unsere Informanten vor sich selbst und damit vor Repressalien nach allzu freizügigen Interviews zu schützen."