Friedrich Adolf Kittler hat Kette geraucht. In seinen Kolloquien, in seinen Seminaren, während seiner öffentlichen Vorträge. Immer. Friedrich A. Kittler war ein begnadeter Vortragskünstler, seine atemlose, Leser wie Hörer stets überrumpelnde, da scheinbar unvereinbare Sachverhalte in einen Satz pressende Kombinatorik entlockte auch dem Abseitigsten noch größte Plausibilität. Und niemand verfügte über so ein sicheres Gespür für Pointen. Kittler – ein furioser Feuerwerker des Sinns. Nun erreicht uns die Nachricht von seinem Tod. Der große Kultur- und Medienwissenschaftler starb am Dienstag mit nur 68 Jahren in Berlin.
Seine Stimme wird fehlen. Die Medien, kaum jemand hat ihre Geschichte so hellwach und vorausschauend begleitet. Und kaum jemand hat sie in ihrer welt- und kulturstiftenden Kraft so genau beschrieben. Dabei hielt Kittler immer eine für ihn typische Balance. Auf der einen Seite begeisterte er sich für den technischen Fortschritt; seine Faszination für die neuesten Entwicklungen und Zukunftsszenarien war überaus ansteckend. Zum anderen betonte er die pathologischen, unsere Paranoia befördernden Auswirkungen des Medienkonsums und vor allem die militärische Herkunft unserer Medienapparate – ein Foto zu schießen ist eben auch ein Schießen. Kurzum, die Medien stellten für Kittler einen technisch-militärischen Komplex dar.
Kittler, der Anti-Humanist
Dabei hat er sich seinem Lebensthema in kleinen Schritten genähert. Denn Kittler fing als Literaturwissenschaftler an: 1976 wurde er ordentlich mit einer Arbeit über den Dichter Conrad Ferdinand Meyer promoviert. Doch standen die 70er-Jahre auch unter dem Einfluss des Poststrukturalismus, dessen Thesen aus Frankreich auch in den deutschen Universitätsbetrieb schwappten: Jetzt ging es um den Tod des Autors und des Subjekts sowie aller bis dahin sicher geglaubten Institutionen des Sinns – Buch, Werk oder Moral.
Der sich hier Bahn brechende Anti-Humanismus wurde auch für Kittler zum Programm. Im Jahre 1980 gab er den Band „Austreibung des Geistes aus dem Geisteswissenschaften“ heraus und skizzierte in einem Vorwort den eigenen Neubeginn. Er wolle sich fortan mit den „Abfällen des Wissens“ beschäftigen und machte dafür drei Regionen aus: den „Schmutz der Sexualität und die Sprachschnitzer“, so wie sie Sigmund Freud in seiner Psychoanalyse untersuchte; die verwüsteten Kulturen, „die die Kolonisatoren übrigließen oder herstellten“ und mit denen sich der Ethnologe James George Frazer eingehend beschäftigte; so wie schließlich den „Buchstabensalat gewisser altlateinischer Verse, die die Literaturwissenschaftler überlesen hatten“ und denen sich der Linguist Ferdinand de Saussure mit großer Hingabe widmete.
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