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05. März 2013

Meine Tiere: Das kleine Heldenhuhn

 Von Hilal Sezgin
Für viele Hühner bedeutet der Gnadenhof ein Neuanfang.  Foto: dpa

700 Millionen Hühner werden in Deutschland jährlich geschlachtet. Wenn es um die Rettung einzelner Tiere geht, zählt vor allem das Individuum. Warum es sich lohnt, auch ein einziges Huhn vor der Schlachtung zu retten, erzählt unsere Autorin, die Tierrechtsaktivisten begleitet.

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Einmal hörte ich, wie eine Frau am Rande einer Tagung sagte: „Und dann fährt sie ein einziges Huhn weit zu einem Tierarzt, lässt es operieren und schreibt drüber.“ Damit war ich gemeint. Jene Frau fand, das sei jämmerlicher Aktionismus. Schließlich gibt es Millionen hilfsbedürftiger Tiere da draußen; 700 Millionen Hühner werden in Deutschland jährlich geschlachtet.

Warum also machen wir das – warum beherbergen Tierrechtler einzelne Tiere auf Gnadenhöfen, oder, wie es jetzt häufiger heißt und weniger „gnädig“ klingt: auf Lebenshöfen? Warum versorgen wir sie so aufwändig? Nun, zum einen offensichtlich deshalb, weil es aufs Ganze gesehen zwar kaum einen Unterschied bedeutet, für das jeweilige Tier aber alles. Wenn ich meine Katze zum Tierarzt fahre und sie operieren lasse, sagt ja auch keiner was. Und wo liegt jetzt der Unterschied zwischen einem Huhn und einer Katze? Also: aus deren Sicht? Beide haben ja nur ein Leben.

Zum zweiten aber tun wir das, weil es genau das zu demonstrieren gilt: dass jedes Individuum zählt. Dass jedes Tier ein Individuum ist. Dass man Tiere nicht nur in Millionen und Stückzahlen und Zentnern und Tonnen zählen kann oder sollte, sondern dass jedes ein fühlendes Wesen ist, mit seinem eigenen Wohlergehen, seinem Leben und dem Recht darauf. In dieser grausamen, von Tierausbeutung bestimmten Welt muss man diese simple Tatsache − jedes Tier ist ein Individuum! – immer wieder beweisen.

Durch getrocknete Scheiße

In meiner Nähe ist eine Legefarm mit 10.000 Hennen. Von diesen 10.000 bleiben jedes Jahr fünf bis zwanzig „übrig“. Die anderen kommen, nachdem sie ein Jahr lang gelegt haben wie kleine Maschinen, zum Schlachter. Das dazu nötige Einfangen ist kein schöner Vorgang. Am Morgen danach findet man bisweilen Hühner, die sich in Ritzen versteckt haben. Beim Herausholen schreien sie um ihr Leben, und wer das einmal gehört hat, vergisst es nicht so schnell.

Früher habe ich diese Hühner selbst aufgepäppelt, bis ich irgendwann keine Kraft mehr dazu hatte. Danach haben sich die Betreiber von Hof Butenland (ein „Kuh-Altersheim“) zum Glück bereit erklärt, die „Rest“-Hühner aufzunehmen. Die Details der Suche nach diesen übersehenen Hühnern will ich den Lesern ersparen. Man kriecht halt mit Mundschutz, Stirnlampe und Kescher ganz wörtlich durch getrocknete Scheiße.

Letztes Mal hatten wir schon ein gutes Dutzend beisammen, da entdeckte die Freundin, die mir half, ein kleines Huhn in einer vergitterten engen Zwischenebene, wo eigentlich gar kein Huhn sein kann. Ich sah es kaum, es war ein wenig wie ein Geist. Die Freundin rief immer: „Es hat einen ganz nackten Popo und schwarze Füße!“ Wir suchten es und jagten es teils; wir fanden ein weiteres Huhn – aber es hatte keine schwarzen Füße. Und noch eins, wo wir doch längst glaubten, alle gefunden zu haben – wieder keine schwarzen Füße.

Neuanfang für 19 Leben

„Dieses Huhn mit den schwarzen Füßen gibt es gar nicht“, rief ich schließlich. „Wie soll es auch in diese Zwischenebene kommen, du hast dich geirrt.“ Aber die Freundin blieb hartnäckig und scheuchte mich weiter durch die Hallen. Irgendwann fanden wir das Huhn. Es war wirklich sehr klein, sonst hätte es da nicht reingepasst, hatte einen nackten Po und vor Kot starrende, höflicher: schwarze Füße.

19 Hühner fanden wir insgesamt; sie tranken gierig aus den Wasserschalen, die wir ihnen in die Käfige gestellt hatten; pickten – zum ersten Mal in ihrem Leben – echte Getreidekörner. Dann kamen sie nach Hof Butenland: Es war für 19 Leben ein Neuanfang. Jenes eine kleine Huhn blieb allerdings das schwächste in der Hierarchie der Hühner. Seine Federn wollten nicht richtig wachsen. Die anderen mobbten es. Wochenlang wurde es von fürsorglichen Menschen jeden Tag auf eine separate Weide und abends wieder zurück in den Stall getragen.

Doch letztlich hatte genau dieses eine Huhn uns noch zu einigen weiteren, bislang übersehenen Hühnern geführt − da soll noch mal einer sagen, dass ein Einzelner nichts ausmacht! Gerade wenn man so klein ist. Gerade wenn man sich wo versteckt, wo eigentlich überhaupt niemand reinpasst. Manches kann man eben nur dann vollbringen, wenn man mickrig ist und fast nackt und ein einzelnes verrücktes kleines Huhn mit schwarzen Füßen.

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