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18. Juli 2008

Menschheitsgeschichte: Der erste Europäer

 Von CHRISTIAN THOMAS
Der Cro-Magnon-Mensch hatte anatomisch bereits unseren Schädel. Foto: Ullstein Bild

Die Anatomie des modernen Menschen wurde bereits dem Cro-Magnon-Menschen in die Wiege gelegt.

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Die Karriere des Cro-Magnon-Menschen war nicht nur abhängig von dem Fleckchen Erde, das ihm seinen Namen gab. Und diese Erfolgsgeschichte hält seit fast 150 Jahren an, seit 1868. Dabei teilt dieser Vorfahr seinen Erfolg mit anderen fossilen Funden, bei denen der schiere Zufall der Menschheit beisprang, ob diese nun vorsätzlich forschte oder sich bloß streunend und stochernd umtat.

Am Ende stand ein Ergebnis, das sich stets sehen lassen konnte, ging es doch um die Reste eines Vorfahren. Und es konnte sich umso mehr sehen lassen, als der Cro-Magnon-Mensch gar nicht alt genug sein konnte, um nicht doch, wie jetzt ein 28 000 Jahre altes Skelett beweist, das italienische Forscher untersuchten, auf eine direkte Verwandtschaft mit uns Heutigen schließen zu lassen.

Die Laufbahn des Cro-Magnon-Menschen, dessen Reste in der südwestfranzösischen Dordogne der frühe Eisenbahnbau zu Tage förderte, verlief rasant. Schon wegen der Nähe zu dem Städtchen Cro Magnon wurde der Name fix gefunden. Und rasch wurden an den fünf Skeletten von drei Männern, einer Frau und einem Säugling allerlei Alleinstellungsmerkmale herauspräpariert. Die Evolutionsforschung nennt sie stets "modern", angefangen von den Schädeln, die die geradezu vollendeten Merkmale des Jetztmenschen aufwiesen.

Der Cro-Magnon-Mensch hatte etwas, was andere Frühmenschen nicht hatten. Was nicht heißt, dass sich die Menschheit seitdem, seit 1868, nicht auch mit anderen Frühmenschen genauer hätte beschäftigen müssen: Vorfahren wie dem Neandertaler, dem Java-Menschen, dem Peking-Menschen - oder dem Heidelberg-Menschen. Auch der weltberühmte Heidelberg-Mensch war zu dem Zeitpunkt, als man ihn fand, nicht einmal mehr Haut, wohl aber Knochen. Und begründete im Oktober 1907 weniger den Ruhm einer Stadt, sondern löste heikle Spekulationen aus. So wie auch der Peking-Mensch oder der Neandertaler - und keiner, der nicht einen ungeheuren Stammbaum ausgebildet hätte.

Darauf pochen auch die wissenschaftlichen Paten des Cro-Magnon-Menschen. Dessen Stammbaum ist mit Metaphern aus den gemäßigten Zonen der Flora nicht zu beschreiben. Die Ankunft des Cro-Magnon-Menschen in Europa fand vor etwa 40 000 Jahren statt, seine Herkunft, wie ja überhaupt die Heimat des Menschengeschlechts war Afrika gewesen. Lange Jahre lebte dieser Mensch in der Dordogne, wobei dem Cro-Magnon-Menschen, anders als dem Neandertaler, mit dem er sich weite Teile Ur-Europas teilte, eine durch und durch moderne Anatomie in die Wiege gelegt war. Etwas anders gesagt, und darauf pocht die Studie, die jetzt an den Universitäten Ferrara und Florenz vorgelegt wurde: die anatomisch eindeutigen Unterschiede zwischen Cro-Magnon-Menschen und Neandertaler waren genetisch bedingt.

Nicht dass dies unglaublich überraschend wäre - auch wenn es im Fachjournal PloS One jetzt so behauptet wird. Schon lange ist bekannt, dass der moderne Europäer nicht vom alten Neandertaler abstammt, der den Kontinent fast 300 000 Jahre besiedelte. Das wissen wir längst, auf diese Spur wurde die Menschheit immer wieder durch DNA-Analysen gesetzt. Regelrecht knifflig aber wurde es, eine verlässliche DNA-Sequenz des Cro-Magnon-Fossils aus Süditalien zu erhalten. Um die Gefahr zu bannen, dass DNA-Spuren zurückbleiben und das Ergebnis manipulieren, die die Forscher selbst auf dem Skelett hinterlassen, wurden die genetischen Fingerabdrücke der Forscher abgeglichen, die mit den fossilen Resten in Kontakt kamen.

Denn Archäologe und Biologe wissen: Verunreinigungen von fossilen Knochen sind ein bedeutender Risikofaktor bei genetischen Untersuchungen. Die DNA ist äußerst rührig, angefangen ausgerechnet bei Reinigungen im Anschluss an Ausgrabungen. So ist also die Rekonstruktionsgeschichte des Cro-Magnon-Menschen, des Neandertalers, des Java- oder Heidelberg-Menschen auch eine Geschichte der Verunreinigungen, denn das Beflecken durch einen falschen genetischen Fingerabdruck geschieht praktisch ohne willentliches Zutun. Trotz aller Anstrengungen zur Reinhaltung und damit zu einer wissenschaftlich eindeutigen Klassifizierung ist die Evolutionsforschung womöglich eine Geschichte der Vermischungen - denn sonst wäre es nicht zu Hinweisen gekommen, wonach sich Neandertaler und Frühmensch zusammentaten, worauf etwa Knochenfunde in einer Höhle im heutigen Rumänien schließen ließen. Der Stammbaum der Menschwerdung ist wohl so etwas wie ein Mischwesenstammbaum.

Wenn man nun ganz genau hinschaut, dann hängt daran auch ein menschliches Skelett, das, grob gesprochen, südwestlich von Peking gefunden wurde, noch etwas gröber: etwa 390 000 bis 425000 Jahre alt, mit Proportionen, die an einen Mischling aus Urmensch und modernem Menschen denken lassen. Sollten wir vielleicht heute sagen: ein Hybrid?

Keine neue Erkenntnis, die postwendend nicht umstritten wäre. Innerhalb der letzten fünfzig Jahre hat die Evolutionsforschung sich so ungeheuer rasant verändert, dass sie dennoch Jahrzehnte brauchte, um einen größeren Schritt weiter zu kommen. Bis Mitte der 1960er Jahre glaubte die Forschung definitiv, die Abspaltung Affe-Mensch habe sich vor mindestens 15 Millionen Jahren vollzogen. Molekularuntersuchungen korrigierten diese Ansicht auf einen Zeitraum von vor rund 5 Millionen Jahren.

Um die neuen Daten und damit eine Differenz von 33 333,33 Generationen zu akzeptieren, brauchten, wie man heute weiß, die Anthropologen einige Zeit. Allein dass Anthropologen und Biochemiker auf Kongressen einander friedlich begegneten, dauerte, wie Beteiligte berichten, mehr als zehn Jahre. Heute beugen sie sich gemeinsam über Allgemeingut.

Was aber heißt das für den Code des Cro-Magnon-Menschen, an dem sich die Erbgutforschung abarbeitet? Was wird aus dem ersten Europäer? Entwickelt er sich noch zu womöglich nicht bloß fossilem Allgemeingut?

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