Den 80-jährigen Merce Cunningham soll sein Bruder im Anschluss an eine Uraufführung gefragt haben: "Wann wirst Du etwas machen, was dem Publikum gefällt?" Aber zu gefallen, das interessierte diesen Puck des Tanzes nicht, der zwar einen Riesen-Charme besaß (und ein herrlich freundliches Gesicht), aber den Prinzipien seiner Kunst, so, wie er sie einst entwickelt hatte, sein Leben lang treu blieb.
Kurz nach Pina Bausch ist nun, am vergangenen Sonntag, Merce Cunningham gestorben, er im hohen Alter von 90 Jahren. Beide Choreografen haben die Tanzkunst ganz entscheidend vorangebracht, revolutioniert, befreit für neue Ideen, Bewegungen, Richtungen. Sie taten das auf sehr unterschiedliche Weise. Wo Pina Bausch nach einem Ausdruck für Gemüts- und Seelenzustände suchte, wollte der Amerikaner Cunningham eben jene möglichst weitgehend von der Bühne verbannen. Dazu jeden Rest von Handlung. Dazu, o Graus, ein naturalistisches Bühnenbild. Robert Rauschenberg war unter den Großen, die für ihn malten, im damals künstlerisch brodelnden New York.
Zudem sollte der Tanz nicht mehr von der Musik abhängig sein, die Musik nicht mehr vom Tanz. Mit seinem Lebenspartner John Cage setzte er dies konsequent um: Cunningham choreografierte, Cage komponierte, in der Aufführung warf man beides zusammen, und wenn beide Künste mal für Momente Hand in Hand gingen, so war das Zufall. Ein weiterer Cunningham-Liebling, den er immer und immer wieder in seine Stücke bat.
Cunninghams Schlachtruf - und auf seine Art war er radikaler als die jüngere Bausch - lautete: Leinen los! Autonomie für den reinen Tanz. Dass ihm das so wichtig war, muss man aus der Zeit verstehen. Cunningham, geboren am 16. April 1919, tanzte zunächst bei Martha Graham, bei der noch alles Expression war, Pathetik leider oft auch. Dann, von 1940 an, studierte er klassischen Tanz. Um sich bald darauf entschlossen von beidem abzuwenden.
"Du musst den Tanz lieben, um ihm treu zu bleiben"
Das machte seine Choreografien spröde. Der Zuschauer konnte sich nicht an den Dingen festhalten, die er von Tanz-Aufführungen gewohnt war. Und da Cunningham seinen Tänzern nicht erlaubte, andere als neutrale Gesichter zu machen, da sie nicht mehr sein durften als ein glasklares Gefäß für die Bewegungsfolgen, -prinzipien, -motive, die er für ein bestimmtes Stück ausgesucht hatte (oft zusammengefügt nach dem Zufallsprinzip), gab es in der Regel beim besten Willen keine Geschichtchen oder Beziehungskisten zu entdecken. In Choreografien von Merce Cunningham saß man, versuchte, einen meditativen Geisteszustand zu erreichen und sich zu erfreuen an einem Mosaik, das, wenn man Glück hatte, Bewegungs-Steinchen enthielt, wie man sie noch nie gesehen hatte.
Denn Cunningham war ein unermüdlicher Experimentator. Selbst einst ein - allen Berichten nach - wunderbar leichtfüßiger Tänzer, faszinierte ihn wenig die Bewegung am Boden, vielmehr das weite Ausgreifen der Arme und Beine, die Streckung, Abspreizung, der Hüft-Knick, die klaren Gliedmaßen-Muster, die vertrackt werden können, wenn sich zwei, drei Tänzer zusammenfinden. Aber nicht umsonst ist "Beach Birds" eines seiner bekanntesten Werke, ein Stück, in dem der Betrachter doch ein Zipfelchen konkrete Bildhaftigkeit zu fassen bekommt: Dass die Tänzer nämlich langbeinige Schreitvögel sind, elegant, gravitätisch - wie auch ein bisschen witzig.
Lange ist der zarte, große Merce Cunningham auch noch mit auf die Bühne gegangen. Die Autorin hat erlebt, wie er dann, mit großer Fröhlich- und Selbstverständlichkeit, seine eigene Aufführung sozusagen sprengte: Dadurch, dass sein altes Gesicht, sein alter Körper inmitten all der jungen und brav ausdruckslosen Tänzer Emotionen über die Rampe trugen - seine Anwesenheit genügte, diese Momente aufzuladen.
Es wird Merce Cunningham egal gewesen sein. Der ja, als er in seinen letzten Jahren im Rollstuhl saß, weiter choreografierte. Mit Hilfe eines längst schon für ihn und mit ihm entwickelten Computerprogramms. Das Neue schreckte ihn nicht. Eines der berühmtesten Merce-Cunningham-Zitate lautet: "Du musst den Tanz lieben, um ihm treu zu bleiben. Er gibt dir nichts zurück, keine Manuskripte, die du archivieren, keine Gemälde, die du aufhängen, keine Gedichte, die du drucken und verkaufen kannst, nichts als den einen flüchtigen Moment, in dem du dich lebendig fühlst. Er ist nicht für schwache Seelen."
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