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14. August 2014

Veletržní palác in Prag: Mühsame Wiedergeburt nach dem Inferno

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Der Prager Messepalast (Veletržní palác) Anfang der Dreißigerjahre. Foto: Nationalgalerie Prag (Národní galerie v Praze)

Vor 40 Jahren verwüstet ein Großbrand den Messepalast (Veletržní palác) in Prag. Mehr als zwei Jahrzehnte dauert der Wiederaufbau des Meisterwerks der funktionalistischen Architektur. Nun ist das riesige Gebäude, das von Nationalgalerie genutzt wird, abermals ein Sanierungsfall.

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Prag –  

Als am 14. August 1974 eine Nachwächterin im Prager Messepalast (Veletržní palác) auf ihrem Kontrollgang Brandgeruch wahrnahm und den diensthabenden Elektriker rief, sah alles nach einem harmlosen Kabelbrand in einer der Bürokojen aus. Doch nur wenige Stunden später tobte in dem weitläufigen Komplex ein Feuersturm, gegen den selbst Hundertschaften von Feuerwehrleuten, die aus ganz Prag und den angrenzenden Bezirken zusammengezogen worden waren, zunächst machtlos waren.

Erst um vier Uhr morgens waren die Flammen soweit eingedämmt, dass die ersten Feuerwehrleute das Gebäude betreten konnten, endgültig "Brand aus" hieß es nach dem Ablöschen der letzten Glutnester erst in den Morgenstunden des 20. August.

Die Folgen des Feuers waren verheerend: Von dem 1925-28 nach Plänen der Architekten Josef Fuchs und Oldřich Tyl errichteten Meisterwerk der funktionalistischen Architektur war nur ein ausgeglühtes Gerippe übrig geblieben. Mit einem Schaden von 224 Millionen Kronen (ca. 10 Millionen Euro) gilt er bis heute als der verheerendste Brand in der Geschichte der tschechischen Hauptstadt.

Der für die Prager Mustermesse errichtete Bau beeindruckt durch seine gewaltigen Abmessungen: 120 Meter lang, 60 Meter breit und 30 Meter hoch ist der Messepalast. Die streng gegliederte Fassade besticht zur Straßenseite hin mit großen, regelmäßig strukturierten Glasflächen. Die im obersten Stockwerk und den beiden unteren Geschossen zurückversetzte Fassade lassen das Gebäude trotz seiner gewaltigen Abmessungen schlank erscheinen. Außerdem wird dadurch die nutzbare Fläche auf dem großzügig angelegten Vorplatz vergrößert.

Die größte Herausforderung für die Architekten bedeutete der unregelmäßige Bauplatz, der sowohl schräg im Gelände liegt, als auch nach hinten trapezförmig zusammenläuft. Dennoch gelang es Fuchs, der in Tschechien für eine Reihe weiterer herausragender funktionalistischer Bauten verantwortlich zeichnet, und seinem Partner ein auch im Inneren großzügig gestaltetes Gebäude zu schaffen.

"Der Messepalast ist eines der interessantesten und markantesten Gebäude in Prag. Es wurde Ende der Zwanzigerjahre erbaut und seine Entstehung wurde von den politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Ereignissen der Epoche geprägt", sagt Helena Musilová, die Leiterin der Sammlung moderner und zeitgenössischer Kunst der Prager Nationalgalerie, die das Gebäude seit 20 Jahren nutzt.

In den Zwanzigerjahren war der Messepalast die Vitrine der prosperierenden tschechoslowakischen Industrie- und Handelsbetriebe, die in dem für seine Zeit radikal modernen Bau mehrmals pro Jahr ihre neuesten Produkte zeigten. Das Ziel der beiden Architekten war, den Firmen ideale Möglichkeiten zur Präsentation ihrer Waren zu bieten.

Im Erdgeschoss lief über die gesamte Breite des Gebäudes eine Einkaufspassage mit fix installierten Geschäfts- und Präsentationsräumen. In den beiden Ausstellungshallen verzichteten die Architekten hingegen soweit wie möglich auf feste Einbauten. Dies sollte eine größtmögliche Flexibilität bei der Gestaltung der Ausstellungsflächen ermöglichen. Bei Bedarf konnten mobile Wände, Paravents und Vorhänge zur Abtrennung einzelner Kojen eingesetzt werden.

Alles wirkt auf den ersten Blick streng symmetrisch gegliedert. Erst bei genauerem Hinsehen wird sichtbar, dass die durch schlanke Betonsäulen abgegrenzten Gevierte in den weitläufigen Räumen höchst unterschiedliche Abmessungen haben. Der Grund dafür liegt im unregelmäßigen Grundriss des Gebäudes, das auf dem Gelände einer ehemaligen Maschinenfabrik errichtet wurde.

Die über drei Geschosse reichende große Halle in der Mitte des Messepalasts war für die Präsentation großer Maschinen bestimmt, entsprechend sind dort unter dem großen Glasdach mächtige Portalkräne eingebaut. Die so genannte kleine Halle ist als Atrium mit offenen Umgängen gestaltet. Im Erdgeschoss konnten wahlweise größere Geräte ausgestellt werden oder entsprechend abgetrennte einzelne Messestände errichtet werden. Hinter den über sechs Stockwerke reichenden Umgängen waren Messekojen eingerichtet. Je nach Bedarf nahmen sie eines oder mehrere jener Gevierte ein, die durch besonders schlank ausgeführte Stahlbetonsäulen begrenzt wurden. Auch hier sorgt ein Glasdach für die natürliche Beleuchtung von oben.

Die kleine Halle nach dem verheerenden Brand vom 14. August 1974. In einer der als Büro genutzten hölzernen Kojen brach das Feuer aus und griff in dem offenen Raum rasend schnell um sich. Foto: Nationalgalerie Prag (Národní galerie v Praze)

Diese Einbauten und die offene Bauweise der kleinen Halle waren es auch, die vor 40 Jahren entscheidend zur rasenden Ausbreitung des Feuers geführt hatten. Hinzu kam fahrlässige Schlamperei: Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Machtübernahme durch die Kommunisten diente der Messepalast nicht mehr seinem ursprünglichen Zweck, sondern beherbergte mehrere Außenhandelsbetriebe. Diese hatten die gläsernen Messekojen nach und nach durch massive Holzkonstruktionen ersetzt und lagerten dort tonnenweise Papier. Hinzu kamen Gasflaschen für illegal betriebene Kochstellen und diverse Chemikalien für Reinigungs- und Renovierungsarbeiten.

Immer wieder hatte die Feuerwehr auf die drohende Gefahr hingewiesen und vorgerechnet, dass die zulässige Brandlast mit 504 Kilogramm pro Quadratmeter fast um das Fünffache über dem damals gültigen Grenzwertes lag, erinnert sich Václav Hladík von der Prager Berufsfeuerwehr. Doch die zahlreichen Eingaben und Anzeigen wurden von den zuständigen Behörden schlicht ignoriert: Die Außenhandelsbetriebe standen als wichtige Devisenbringer unter dem besonderen Schutz des kommunistischen Regimes.

Nach dem verheerenden Feuer stritten die Machthaber einige Jahre lang über die Zukunft des ehemaligen Messepalasts. Wollte man die ausgeglühte Ruine zunächst kurzerhand in die Luft sprengen oder abreißen, entschied man sich schließlich für eine Sanierung. Auch über die neue Nutzung wurde lange diskutiert. Klar war nur, dass die Außenhandelsbetriebe nicht wieder einziehen sollten: Sie hatten in der Zwischenzeit bereits neue, repräsentative Firmensitze bekommen, die heute zum Teil ebenfalls als wichtige Zeugnisse der Architektur ihrer Zeit gelten.

Für den Messepalast war unter anderem die Umwandlung in ein Studentenheim, ein Krankenhaus oder ein technisches Rathaus im Gespräch. Schließlich fiel die Entscheidung, das Baudenkmal möglichst originalgetreu zu rekonstruieren und der Prager Nationalgalerie für ihre Abteilung für moderne Kunst zur Verfügung zu stellen. Doch es sollte schließlich ganze 21 Jahre dauern, bis im Jahr 1995 wieder der erste Besucher den beeindruckenden funktionalistischen Bau betreten konnte.

Bis heute dient das Gebäude der Sammlung für moderne und zeitgenössische Kunst der Nationalgalerie als Heimstätte. Seit einigen Jahren ist in der großen Maschinenhalle außerdem Alfons Muchas Slawisches Epos zu sehen, das die Stadt Prag als Eigentümerin jahrelang in ein feuchtes Schloss in Mähren ausgelagert hatte. Der monumentale Bilderzyklus steht in deutlichem Kontrast zum nüchternen Ambiente der funktionalistischen Architektur und kommt dadurch besonders gut zur Geltung. Für Muchas Werk bedeutet dies ein Comeback: Bereits im Jahr 1928 waren die 20 großformatigen Tempera-Gemälde eine Zeit lang im Messepalast zu sehen.

Das vom staatlichen Baubetrieb aus Liberec/Reichenberg ausgearbeitete und umgesetzte Konzept sah eine möglichst detailgetreue Wiederherstellung der historischen Bausubstanz vor. Dennoch mussten die Ingenieure zahlreiche Kompromisse eingehen. So wurden etwa die von Tyl und Fuchs so schlank wie nur möglich ausgeführten Säulen auf das Doppelte ihres ursprünglichen Umfanges verstärkt; zu sehr hatte die enorme Brandhitze der tragenden Stahlbeton-Konstruktion zugesetzt.

Marode Bausubstanz und hohe Betriebskosten

Zu schaffen machte den Baumeistern auch die Materialknappheit im kommunistischen Wirtschaftssystem. Weil es für den Import von hochwertigen Materialen an Devisen mangelte, mussten sie oft mit heimischen Produkten das Auslangen finden. Ein Umstand, der dem heutigen Hauseigentümer einiges Kopfzerbrechen bereitet: Nicht einmal 20 Jahre nach der Wiedereröffnung nagt der Zahn der Zeit sichtbar an der Bausubstanz: Die Glasdächer sind undicht, der Verputz bröckelt und tragende Stahlteile rosten. Doch für die dringend notwendige Sanierung fehlt dem Kulturministerium das Geld.

Der Prager Messepalast im Jahr 2007. Foto: Wikipedia/Packa/CC BY-SA 2.5

Hinzu kommt, dass die weitere Nutzung des Riesenbaus ungewiss ist. Die Nationalgalerie ist wenig glücklich mit den schwierig zu bespielenden offenen Galerien, wegen der problematischen Bedingungen erfüllen auch nur wenige Säle die strengen Anforderungen, die internationale Museen beim Verleih ihrer Werke an das Raumklima stellen.

"Für die Sammlung moderner und zeitgenössischer Kunst, die hier ihren Sitz hat, ist der Messepalast ein wichtiges Thema. Schon nach seiner Errichtung zog das Gebäude durch seine Größe und seinen funktionellen Betrieb die Aufmerksamkeit auf sich. Als Galerie weckt es oft sehr gegensätzliche Emotionen", sagt die Leiterin des Hauses, Helena Musilová.

Sorgen bereiten der Museumsleiterin auch die enormen Energiekosten, die 55 Prozent der Gesamtbetriebskosten für alle Gebäude der Nationalgalerie verschlingen. Der Messepalast müsse deshalb dringend saniert werden, fordert Musilová. Doch alleine die energietechnische Sanierung des denkmalgeschützten Riesenbaus würde rund eine Viertelmilliarde Kronen (ca. 9 Millionen Euro) kosten - mehr, als die gesamte Nationalgalerie jährlich vom Kulturministerium an Subventionen erhält. Deshalb wird auch immer wieder über eine mögliche Verlegung der Sammlung moderner Kunst nachgedacht.

Doch die Errichtung oder Adaptierung eines Ersatzquartiers ist angesichts der angespannten Haushaltslage ebenso wenig absehbar wie die immer wieder angedachte Wiedereröffnung des Cafés samt Aussichtsterrasse auf dem Dach des Messepalastes oder die Wiederinbetriebnahme des nur im Rohbau wiederhergestellten großen Kinosaales im Untergeschoß.

Immerhin hat die Nationalgalerie nach dem politisch motivierten Abgang des langjährigen Direktors Milan Knížák und einem einigermaßen unrühmlichen Zwischenspiel mit einem PR-Manager an der Spitze der Kulturinstitution mit Jiří Fajt seit Kurzem wieder einen promovierten Kunsthistoriker als Leiter. Seiner Nominierung war eine intensive politische Debatte über die Aufgaben der Nationalgalerie und ihrer Zukunft vorangegangen, bei der neben Personalfragen vor allem die ungenügende finanzielle Ausstattung der Institution im Mittelpunkt gestanden hatte.

Der Geldmangel ist nach wie vor ein ernstes Problem für die vom tschechischen Staat subventionierte Einrichtung. Doch im Prager Messepalast sind immerhin Anzeichen für einen Aufbruch zu erkennen: Das frühere Restaurant hinter den großen Glasscheiben neben dem Eingang wurde wiederbelebt, eine kreative Speisekarte und regelmäßige Veranstaltungen sollen neues Publikum ins Museum locken.

Und auch für den Austausch der völlig veralteten Brandmeldeanlage wurden kürzlich die Mittel freigegeben. An Stelle der altmodischen Rauchmelder aus tschechoslowakischer Produktion überwachen jetzt moderne Sensoren die Ausstellungsräume, um eine Wiederholung der Katastrophe vom 14. August 1974 zu verhindern.

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