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09. September 2010

Migrationsdebatte: Die Unverzichtbarkeit des Fremden

 Von Hans-Jürgen Heinrichs
Die Maske als Erkennungszeichen: Ein Kameruner trägt während der Fußballweltmeisterschaft eine landestypische Maske.  Foto: AFP

Wie können wir verstehen, was uns und was die Anderen zu einem bestimmten Denken und Handeln getrieben hat? Politik ist eine handlungsbezogene Erforschung von Fremdheit. Umso erstaunlicher ist es, dass Ethnologen bei politischen Ereignissen nur in Ausnahmefällen zu Rate gezogen werden.

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Es gibt Augenblicke und Tage, da erscheinen uns gesellschaftliche, kulturelle und religiöse Differenzen ein für alle Mal festgeschrieben und unüberbrückbar. Wir betonen dann vor allem die dramatischen Unterschiede zwischen unserer Kultur, unseren Werten und Idealen, und fremden Kulturen, wenn sie etwa auf dem Boden der Religion demütigende und tödliche Strafmaßnahmen zu legitimieren versuchen.


Sobald wir aber das Destruktionspotential auch in unserer Geschichte der Zivilisation erkennen und wir uns unserer selbstreflexiven, selbstkritischen Fähigkeiten besinnen, wächst wieder der Wunsch nach dem Dialog. Wie können wir verstehen, was uns und was die Anderen zu einem bestimmten Denken und Handeln getrieben hat? Die Tatsache, dass wir uns unterscheiden und uns wechselseitig als merkwürdig, ja als absonderlich vorkommen, ist das im Grunde nicht das viel Elementarere, wenn man so will: das Natürlichere als das Gemeinsame?


Es ist also viel naheliegender, von der Erfahrung der Differenz in unserem persönlichen, sozialen und gesellschaftlichen Leben auszugehen und ihr etwas von ihrem Makel zu nehmen. Ist die Differenz – und damit auch das Fremde – uns vielleicht viel näher und (allem Anschein zum Trotz) vertrauter, als wir gemeinhin glauben?
Wir können nicht anders, als das uns Vertraute erst einmal als das Eigene zu sehen. Was dem nicht entspricht, das ist das Fremde, das Ferne, das Unvertraute, sehr schnell auch das Unheimliche. Der Fremde ist der Inbegriff all dessen, was Angst macht. Auf ihn kann jeder in der eigenen Gesellschaft das umlenken, was er als Schattenseiten bei sich selbst nicht wahrnehmen möchte, vor allem die der menschlichen Natur eigene Unberechenbarkeit. An ihn heften wir alles in uns latent vorhandene Misstrauen, das wir auch gegen uns selbst hegen. Wir brauchen den Fremden, um uns selbst als normal, richtig und verlässlich zu empfinden.


An diesem Punkt löst sich der Künstler mit aller Entschiedenheit von der Allgemeinheit. Er erfährt sich als kreativ nicht im Abwehren, sondern in der Vergegenwärtigung des als fremd Erscheinenden. Jeder Museumsbesuch beweist es: Kunst entfaltet einen Großteil ihrer formenbildenden Kraft gerade in der Durchdringung dessen, was uns als eigen und was uns als fremd erscheint. Dies gilt auch für die Musik.


Solange es noch keine Tondokumente gab, war es schwierig, außereuropäische Musik kennenzulernen. Reisende konnten die Musik nicht wie Plastiken, Masken und Fetische mitbringen. Unabhängig von der Art der zumeist entwürdigenden, das Sakrale tief verletzenden In-Besitznahme war damit aber das Tor zu einer neuen Welt weit geöffnet.


Auf der Ebene der bildenden Kunst ereignete sich in den Jahren nach 1905 die überhaupt aufregendste Durchdringung europäischer und außereuropäischer Formen und Visionen. Die europäische Kunst, ob bei Picasso, Klee, Brancusi oder Georges Braque, hätte sich im 20. Jahrhundert nicht aus sich heraus erneuern können. Sie hat sich mit dem fremden Nektar und der visionären Vorstellungskraft, wie sie in der primitiven Skulptur zum Ausdruck kommt, vollgesogen. Sie hat die in der sogenannten Negerplastik verkörperte Kraft gespürt und in den eigenen Produktionsprozess übertragen. Dabei ist sie aneignend und kreativ zugleich verfahren.


Mit der Entdeckung vor allem afrikanischer und ozeanischer Masken und Plastiken durch Picasso und die Fauvisten und durch die Ausbildung des plastischen Sehens bei den Kubisten wurde die Stammeskunst oder art nègre zum wahlverwandten Vor-Bild in der Moderne. Während der Künstler in dieser Selbst- und Fremdbegegnung offen mit Brüchen und Zerreißproben umgeht – gerade hier in seinem Element ist –, leben wir außerhalb der künstlerischen Praxis zumeist in der Vorstellung, wir sollten in allem Homogenität anstreben.


In Wahrheit aber sind das Uneinheitliche, die Verschiedenartigkeit und Heterogenität auch unser Element, in dem wir uns immer schon vorfinden und durchaus auch wohlfühlen. Und dies auf allen Ebenen: kleinste Gruppen und Gemeinschaften bis zur Großform der Gesellschaft sind geprägt von extrem vielen divergierenden Verhaltensweisen, Haltungen, Positionen, Ritualen, Urteilen und Vorurteilen; viel stärker noch gilt dies für die großen Formen, die wir als Kontinente bezeichnen.

Man kann sich kaum eine gesellschaftlich und kulturell heterogenere Struktur als die des Kontinents Afrika vorstellen. Und doch tun wir so, als gäbe es ein Afrika.
Aber auch auf der Ebene individuellen Lebens liebäugeln wir mit dem bloßen Konstrukt von Einheiten, sprechen von einem Ich und von Identität, wissend, dass jedes Ich unendlich viele Brechungen in sich birgt und Identität nur eine, wenn auch äußerst nützliche, Fiktion ist. Auch in persönlichen Beziehungen – von Freundschaften und Liebesgeschichten bis zur Ehe und Familie – mühen wir uns (oft genug widerwillig) ab an unseren Verschiedenartigkeiten. Dann aber müssen wir feststellen: Gerade im Erkennen und Anerkennen von Differenzen entwickeln wir uns weiter. In der Homogenität langweilen wir uns schnell; von einer Differenz aber fühlen wir uns belebt, inspiriert, angestachelt zu Aktivität und Kreativität. Ist so gesehen das Erleben der Differenz im Kern nicht künstlerisch?


Ein Komponist wie Luciano Berio (der zusammen mit Pierre Boulez im Mittelpunkt des diesjährigen „Musikfestes Berlin“ steht) war ein Meister der Transformation, der sogar die von der modernen Musik sehr verschiedene traditionelle Volksmusik mit in die Verwandlung von Traditionen, Tönen und Texturen einbezog. Sie aufzugreifen hieß für ihn, den Traditionen und dem gelebten Leben, den individuellen Nöten, der Trauer, dem Schicksalhaften, der Liebe und der Freude, dem kollektiven Erleben und der Arbeit einen emotionalen Raum zu geben und nach einer untergründigen Einheit mit ganz anderen musikalischen Welten zu suchen. Eine Einheit, die aber in sich gebrochen und experimentell ist, sich auf die Probe, auch auf die Zerreißprobe stellt, sich mit der Differenz konfrontiert.


Beide, Berio und Boulez, sind als Musiker Ethnologen im elementaren Sinne des Erforschens anderer Kulturen und deren Besonderheit. Auch sie machen, ähnlich wie der Ethnologe, die Erfahrung, dass das Fremdartige uns nur aus der eigenen Perspektive fremd und „exotisch“ erscheint. Der Fremde ist aber ein alter ego eines jeden Menschen. Zumeist gehen wir von der Vorstellung aus, das Eigene habe per se, ohne eine Gegenfigur, eine Realität, bis wir wieder, oft genug erschrocken, feststellen müssen, wie viel Fremdheit in uns ist, angesichts so mancher Handlungen und bestürzender Traumszenarien.


Als Angehörige geographischer und gesellschaftlicher Formationen mit extrem vielen Ethnien und Religionen, heißen sie nun Afrika, Asien, Nord- und Südamerika oder Europa, sind wir eigentlich bestens historisch und in unserem kollektiven Gedächtnis auf den Umgang mit der Vielgestaltigkeit und Multikulturalität vorbereitet. Wir sind originär Künstler; also Transformer.


Vergessen wir, trotz aller Bedrohung durch das Fremde, nicht, dass die Spannung von eigen und fremd uns kreativ und schöpferisch macht, uns dem Visionären gegenüber öffnet. Dies erfahren wir auch im Alltag: Wir atmen doch, als politisch bewusste Bürger, geradezu auf, wenn die Politik fremd und störend erscheinende Anteile der Gesellschaft (zum Beispiel bestimmte Eigenheiten, Verhaltensweisen, Zeremonien und Kleidungstraditionen) nicht von vornherein auszulöschen versucht, sondern sich dem Prozess gegenseitiger Veränderungen und Wandlungen öffnet.


Nur so ist die Rede vom „Dialog der Kulturen“ ernst zu nehmen. Dass dabei Widerstände auf beiden Seiten auftreten, ist nicht zu umgehen. Derart hochgesteckte Ziele wie die Schaffung einer „Demokratischen Weltcharta“ oder einer „Weltzivilisation“ können ja überhaupt nur ins Auge gefasst werden, wenn man dem Faktum der Differenz eine von Grund auf positive Bedeutung verleiht.


In ihrem Wesen könnten sich alle Menschen – gleich welcher Profession – als Mit-Gestalter einer Welt fühlen, die uns durch ihre bis zum Platzen angespannten Destruktionspotentiale Sorgen bereitet, uns an Abgründe heranführt, uns in Katastrophen verstrickt, die uns oft genug überfordern. Dies ist aber unsere Welt. Und inmitten dieser Welt gestalten wir unablässig und öffnen uns den beglückenden Überschneidungen von künstlerischen Sprachen und Klangformen. Auch wenn die Politik mit einer Vielfalt von Systemen, Sprachen und Ausdrucksformen beschäftigt ist, die zumeist von schwer lösbaren Konflikten überschattet ist, so ist doch auch sie in ihrem Kern und ihrem Potential ein kreativer Akt. Sie ist eine in Handeln übersetzte Vielstimmigkeit und Vielgestaltigkeit, eine handlungsbezogene Erforschung von Fremdheit.


Umso erstaunlicher ist es, dass Ethnologen bei politischen Ereignissen nur in Ausnahmefällen zu Rate gezogen werden. Zur Zeit der Bundespräsidentschaft von Johannes Rau, Roman Herzog und Richard von Weizsäcker gab es zeitweilig das Projekt eines „Europäischen Parlaments der Kulturen“. Für die Beurteilung nationaler und internationaler Konflikte sollten mit Selbstverständlichkeit westliche Ethnologen und Ethnologen der jeweiligen betroffenen Gesellschaften zu Rate gezogen werden. Bislang gibt es noch kaum Erfahrungen oder gar Konzepte für die Kooperation von Innen-/Außenpolitik und Ethnologie.
Indem wir mit anderen Menschen (vor allem fremder Kulturen) in einen politischen Austausch treten, erfahren wir immer auch etwas über uns, etwas, das uns noch verschlossen war und darauf wartete, entdeckt und ins Leben gerufen zu werden. Und wieder schließt sich der Kreis zur Musik. Die andere Musik, die Bildende Kunst und Literatur – vor allem dann, wenn in ihnen viel Geschichte gespeichert ist – bringen uns in Kontakt mit dem noch nicht Verwirklichten, dem Unbewussten und Imaginären in uns.


Politik und Kunst sollten immer auch Reflexionen sein: über das Zusammenspiel im Ensemble; ein Austarieren der Dynamik zwischen den Innen- und Außenwelten der Teilnehmenden und des Gesamtkorpus, der übergeordneten Struktur.


Es scheint also möglich zu sein, die Politik und die Kunst – zum Beispiel die Musik, die erst einmal eine sehr praktische, konkrete Aktivität mit sozialen, teils religiösen Funktionen ist – miteinander in Beziehung zu setzen. Der große Unterschied aber ist: Musik hat grundsätzlich – anders als andere Aktivitäten – eine einzigartige, nur ihr eigene Kraft, uns zu „ergreifen“ (im Übrigen ein einzigartiges Wort, dass das Zusammenspiel von aktiven und passiven Anteilen zum Ausdruck bringt).


Der Komponist hat die Möglichkeit, als Klang-Architekt Räumlichkeiten zu schaffen, in denen unsere Seele sich ausbreiten und in vielen Zeiten, Epochen und Stimmungen gleichzeitig sein kann. So breiten sich mit den Tönen alle Emotionen aus, gemäß einer Logik der Komposition und der Empfindungen. Wir fühlen dann, wo wir geschichtlich herkommen und wo wir hinwollen; wir fühlen uns wohl im Diversen und sich Überlagernden, im Synkretistischen.


Musik ist ein Geschenk an das Gehör und an die Seele. Wir können uns beim Hören so fühlen, wie wir uns selbst ständig erfahren: als uns vertraut und uns fremd.
Der Mensch ist ein von Grund auf ethnologisches Wesen, das sich beständig in Bezug zum Fremden im Außen und im “inneren Afrika“, wie Sigmund Freud die Seele nannte, entwirft. Niemand möchte sich letztlich, davon bin ich überzeugt, allein durch das ihm Vertraute definieren. Jeder möchte ein kulturelles Wesen sein, das dank seiner schöpferischen, seiner gestaltenden Kraft Teil der Gesellschaft und eines die eigene Gesellschaft transzendierenden Ganzen, das wir “Welt“ nennen, ist.

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