Aktuell: Ukraine | Rosetta-Mission | Fernbus-Markt | Fußball-News | Eintracht Frankfurt | Polizeimeldungen Frankfurt/Rhein-Main

Kultur
Nachrichten, Kritiken, Interviews aus Kultur, Feuilleton, Literatur, Kunst

06. Februar 2012

Mike Dasey gegen Apple: Apple: Eine gigantische Entmenschlichung

Mike Daisey in seinem Ein-Personen-Stück „The Agony and Ecstasy of Steve Jobs“ im New Yorker Public Theater.  Foto: AP /The Public Theater

Mike Daisey recherchierte als Undercover-Reporter, unter welchen Arbeitsbedingungen Apple in China seine Produkte herstellen lässt. Die Eindrücke verarbeitet er in seinem Bühnenstück „The Agony and Ecstasy of Steve Jobs“ - mit deutlichen, kritischen Worten.

Drucken per Mail
Zur Person

Der Schauspieler und Journalist Mike Daisey ist so etwas wie der amerikanische Günther Wallraff. Er hat inkognito bei Wal Mart und bei Amazon gearbeitet und sich den Scientologen angeschlossen – und darüber in New York jeweils erfolgreiche Ein-Personen-Stücke aufgeführt.
In seiner neuen Produktion „The Agony and Ecstasy of Steve Jobs“ beschäftigt er sich mit den Computer-Konzern Apple. Daisey erzählt seine Geschichte aus der Perspektiv eines glühenden Anhängers von Apple-Produkten, der immer mehr über die unmenschlichen Produktionsweisen des Konzerns erfährt.

Ein Podcast der Show findet sich im Internet: www.thisamericanlife.org

Im Mai 2010, lange bevor es in den größeren Medien zum Thema wurde, reiste Mike Daisey als amerikanischer Geschäftsmann getarnt zu den chinesischen Zulieferbetrieben von Apple, um sich dort die katastrophalen Arbeitsbedingungen anzuschauen. Sein Stück „The Agony and Ecstasy of Steve Jobs“ läuft derzeit am New Yorker Public Theater.

Herr Daisey, die Arbeitsbedingungen in den Apple-Zulieferbetrieben in China machen in diesen Tagen Schlagzeilen. Sie waren vor beinahe zwei Jahren als Undercover-Reporter dort und erzählen in Ihrem Ein-Mann Stück seit anderthalb Jahren Ihrem Publikum davon. Sind Sie frustriert, dass man erst jetzt hinhört, da die großen Medien einsteigen?

Nein, überhaupt nicht. Ich weiß, dass die Reporter, die an dem fantastischen Stück in der New York Times gearbeitet haben, das in der vergangenen Woche veröffentlicht wurde, alle mein Stück gesehen haben, bevor sie nach China gereist sind, um sich selbst ein Bild zu machen. Ich freue mich ungemein, dass sie die Geschichte jetzt verbreiten.

Es gibt schon seit Jahren Berichte von Menschenrechtsorganisationen über die Bedingungen in diesen Fabriken. Warum glauben Sie, hat es so lange gedauert, bis die Mainstream-Medien das Thema aufgreifen?

Zum einen, denke ich, dass es sehr schwer ist, als offizieller Journalist in China zu arbeiten, weil es ein faschistisches Land ist, das von Verbrechern regiert wird. Deshalb habe ich ja auch verdeckt recherchiert. Außerdem glaube ich, dass die Computerfachpresse komplett versagt hat. Sie stecken so sehr mit der Industrie unter einer Decke, dass Sie es versäumen, ihren journalistischen Auftrag zu erfüllen. Das war ein wesentlicher Grund dafür, dass die Publikumspresse sich so lange nicht dafür interessiert hat.

Das Wired Magazine hat vor ein paar Jahren einen Reporter auf Einladung der Firma zu Foxconn geschickt. Er hat eine Titelgeschichte geschrieben, aus der deutlich wird, dass er nicht mit einem einzigen Arbeiter dort gesprochen hat. Das Fazit der Geschichte war, dass alles dort nicht so schlimm ist und damit haben sich alle zufrieden gegeben. Es ist eine ungemeine Peinlichkeit für die Fachpresse.

Ich bin von Apple besessen

Was hat Sie dazu angetrieben, das auf eigene Faust zu recherchieren?

Ich bin Monologist, es ist mein Job, die Geschichte zu erzählen, von der ich am meisten besessen bin, und ich bin schon mein ganzes Leben lang von Apple besessen. Als ich angefangen habe zu recherchieren, wurde mir schnell klar, dass es zwei Apple-Geschichten gibt – eine wohlbekannte, sehr öffentliche Geschichte und eine geheime Geschichte. Aber wenn man die wahre Geschichte der Apple-Technologie erzählen will, muss man beide Teile erzählen. Man kann nicht verschweigen, was die menschlichen Kosten dieser Geräte sind.

Wie viel wussten Sie über die Arbeitsbedingungen dort und wie sehr waren Sie von dem überrascht, was Sie vorgefunden haben?

Man muss eine Sache verstehen: Die Fakten dieser Geschichte sind völlig unkontrovers. Die Verletzungen der Menschenrechte in diesen Fabriken und die katastrophalen Bedingungen, unter denen die Menschen dort arbeiten, sind von Menschenrechtsorganisationen längst hinreichend dokumentiert. Wir haben uns nur bislang unheimlich angestrengt, nicht hinzuschauen. Ich hatte meine Hausaufgaben gemacht und war deshalb auf sehr brutale Bedingungen vorbereitet. Worauf man natürlich nie vorbereitet ist, ist das menschliche Antlitz dieser Grausamkeiten, sowie das gigantische Ausmaß der Entmenschlichung. Das war schockierend.

Ich habe mit Menschen geredet, deren Hände verkrüppelt waren, weil sie zu lange Schichten gearbeitet haben. Ich habe Leute gesehen, die unkontrollierbar am ganzen Leib gezittert haben, weil sie unheilbare Nervenschäden von Reinigungsmitteln hatten. All das wäre mit den simpelsten Arbeitsschutzmaßnahmen vermeidbar gewesen.

Haben Sie Apple mit diesen Dingen konfrontiert?

Nein, dazu gibt es keinen Grund. Ich sage alles, was ich zu sagen habe, sehr öffentlich. Jeder kann meine Show sehen oder sich im Internet den Podcast anhören, den wir daraus gemacht haben. Ich weiß, dass einige Apple-Leute in meiner Show waren und dass Tausende von Leuten an Apple geschrieben haben. Die Chefs von Apple wissen, was in ihrem Haus vor sich geht. Sie sind unfassbar arrogant.

Man muss sich nur vorstellen, dass sie selbst nach dem Text in der New York Times immer noch leugnen, was bei Foxconn passiert. Wenn es in den USA und in Deutschland Vorfälle gegeben hätte, so wie sie in dem Artikel beschrieben werden, dann wären Leute ins Gefängnis gewandert. Alleine die schrecklichen Arbeitsbedingungen in den iPad-Fabriken müssten jeden Zweifel beseitigen. Die Tatsache, dass wir immer noch darüber nur sprechen, anstatt endlich auch praktische Konsequenzen zu ziehen, sagt viel darüber, ob wir wirklich glauben, dass diese Arbeiter überhaupt Menschen sind.

Ich habe sie getroffen und ich kann Ihnen versichern, dass sie so einzigartig und individuell sind, wie jeder andere von uns. Es gibt keinen Unterschied zwischen diesen Menschen und Arbeitern in Detroit oder in Stuttgart. Wir verschließen unsere Augen davor, weil wir sonst die Wahrheit nicht aushalten würden. Wir müssen endlich begreifen, was wir diesen Menschen antun.

Wie glauben Sie denn, dass sich etwas verändern wird?

Ich glaube, die Veränderung ist nicht mehr aufzuhalten. Ich denke, dass Boykottaufrufe, wie es sie jetzt immer mehr gibt, Wirkung zeigen werden, selbst wenn es nie zu einem Boykott kommt. Das Image ist das wertvollste Gut von Apple und wenn die Menschen anfangen, das Blut an den iPhones zu sehen, dann hat Apple ein ernsthaftes Problem. Der Druck auf sie wächst, wirklich etwas zu tun und nicht nur ihre Zuliefererliste zu veröffentlich und ein Abkommen zu unterzeichnen.

Der Druck auf Apple muss wachsen

Glauben Sie, dass allein der Imageschaden Apple wirklich zum Handeln zwingt oder muss es ihnen erst an die Geldbörse gehen?

Nun, die ersten Zugeständnisse, also der Beitritt zur Fair Labor Association und die Veröffentlichung der Zuliefererliste, wurden bereits gemacht, nachdem mein Theaterstück im Radio lief. Viele Apple-Angestellte haben das gehört und mussten ihren Familien nun erklären, was sie da eigentlich machen. Der Unmut innerhalb der Firma wächst und die Motivation sinkt. Ich weiß das von Apple-Angestellten, die sich mit mir in Verbindung gesetzt haben. Apple hat jetzt ein echtes Problem: Gerade die Menschen bei Apple wollen stolz sein auf das, was sie tun. Deshalb sind sie ja dort.

Apple ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Beinahe alle Elektronikfirmen lassen bei Foxconn fertigen und in andere Branchen sind oft die Arbeitspraktiken auch nicht besser. Kann Apple alleine das Problem lösen?

Apple kann die Geschichte der Produktion in Drittweltländern neu schreiben, wenn der Konzern denn nur will. Sie haben 100 Milliarden Dollar an flüssigen Mitteln. Wenn sie nur fünf Prozent darauf verwendeten, ihre Zuliefererkette humaner zu gestalten, könnten sie die derzeitigen Praktiken revolutionieren.

Welche Elektrogeräte benutzen Sie denn?

Ich habe ein Mac Book Pro. Ich weigere mich aber, irgendetwas Neues zu kaufen, so lange ich das nicht unbedingt muss. Ich denke, wenn man alleine dem Druck widersteht, immer das neueste und beste Gerät haben zu müssen, kann man der Branche bereits sehr weh tun. Wir wissen doch, dass geplante Unbrauchbarkeit Teil der Marketingstrategie dieser Firmen ist. Und meistens kaufen wir ja die neuesten Geräte ohnehin hauptsächlich aus Eitelkeit.

Das Gespräch führte Sebastian Moll.

Zur Homepage
comments powered by Disqus
Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen.

Dossier

Rezensionen des FR-Feuilletons zum Bücherherbst 2014.

Fotostrecken
Bambi 2014: Die Hin- und Weggucker

Ist sie frisch aus dem Dschungel entkommen? Nein, das soll wohl so. Das österreichische Model Larissa Marolt präsentiert - Mode. Mehr in unserer Fotostrecke: Die Hin- und Weggucker der Bambi-Verleihung.

Außerdem:
Fotostrecke: Die Bambi-Preisträger in Bildern
Fotostrecke: Prominente auf dem roten Teppich
Fotostrecke: Diese Preisträger standen schon fest

TV-Kritik
Anzeige
Videonachrichten Kultur
Kulturgeschichte
Karl, der Große

Karl der Große, geboren 748, beherrschte ein Reich, das vom Atlantik bis zur Elbe reichte, von der Nordsee bis Rom. FR-Feuilleton-Chef Christian Thomas beschreibt seine Herrschaft, die Reformen, seine Rolle als Gotteskrieger, die Bedeutung für Frankfurt - und nicht zuletzt derjenigen für Europa.

Teil 1: Bedeutender Mann im Gegenlicht
Teil 2: Sagenhafte Anfänge
Teil 3: Gewalt als Gottesdienst
Teil 4: Die Geschichte mit Karl

Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

Kino: Neustarts
FR-App und E-Paper

Bei uns bekommen Sie das neue iPad Air von Apple im Paket mit der preisgekrönten FR-App - einschließlich aller FR-Ausgaben im Layout der Zeitung als E-Paper.

Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Medien
Buchtipps
Anzeige
- Informationen finden, um die Main Metropole Frankfurt entdecken und erleben zu können.
- Fragen & Antworten
- Bei HOH finden Sie Hardware, Computer und aktuelle Software zu günstigen Preisen.
- Kauftipps!