Für Milan Kundera ist es der Kampf um sein Lebenswerk: Vehement wehrt sich der tschechische Schriftsteller gegen Anschuldigungen, er habe einen antikommunistischen Studenten an die Geheimpolizei verraten. "Das ist ein verdächtig perfekt vorbereitetes Attentat auf mich", sagte Kundera in einer ersten Reaktion auf die Vorwürfe von tschechischen Wissenschaftlern, die in dieser Woche belastendes Material präsentiert hatten. Dass sein vermeintlicher Verrat ausgerechnet vor der Frankfurter Buchmesse aufgedeckt werde, könne kein Zufall sein. Er habe überhaupt kein Motiv gehabt, jemanden ans Messer zu liefern. Nach Angaben der Prager Forschergruppe ist Kunderas mutmaßliches Opfer damals nur knapp der Todesstrafe entgangen und wurde 13 Jahre lang in kommunistischen Gefängnissen und einem Arbeitslager festgehalten.
In Tschechien wird nun diskutiert, ob die massiven Vorwürfe zutreffen. Kunderas Image jedenfalls hat trotz seines harschen Dementis Schaden genommen. Als leidenschaftlicher Gegner des kommunistischen Regimes hat er seine Bücher geschrieben, die häufig den entwürdigenden Alltag im Sozialismus und ein Leben voller Bevormundungen zum Thema haben. Kundera lebt seit den 70er Jahren im französischen Exil und galt während des Kalten Krieges als einer der profiliertesten Kritiker des kommunistischen Systems. Unter tschechischen Intellektuellen wurde er deshalb sogar als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt. Dass gerade er ein Denunziant sein soll, sorgt in ganz Europa für Schlagzeilen.
Die Historiker vom staatlichen "Institut zur Erforschung totalitärer Regimes", das in Tschechien die Akten der Staatssicherheit aufarbeitet, haben ihre Anschuldigungen gegen Kundera weiter erhärtet. Sie stützen sich vor allem auf einen Bogen Papier, den sie im Archiv gefunden haben. Darin schildert ein Mitarbeiter der Geheimpolizei, wie Milan Kundera seine Anzeige gegen Miroslav Dvoracek aufgab. Der 22-jährige Dvoracek arbeitete im antikommunistischen Widerstand und würde, so soll Kundera am 14. März 1950 gemeldet haben, am Abend bei einer Freundin im Studentenwohnheim übernachten. Die Staatssicherheit nahm Dvoracek dort fest.
"Wir haben am Ablauf des Geschehens keinen Zweifel", sagt Jiri Reichl, Sprecher des Prager Instituts, das die Akten gefunden hat. "Wir haben ein detailliertes Protokoll, das exakte Datumsangaben und ein Aktenzeichen enthält, und wir haben die Schilderung von Zeitzeugen." Die Unterschrift von Milan Kundera allerdings steht nicht unter dem gefundenen Schriftsatz, unterzeichnet ist er lediglich vom diensthabenden Beamten der Geheimpolizei.
"Das alles ist eine Lüge, eine totale Lüge", sagte Kundera der tschechischen Nachrichtenagentur ctk. Der Autor gibt üblicherweise keine Interviews; umso überraschender waren seine Äußerungen. Wie sein Name auf das Schriftstück kommt, könne er sich nicht erklären. "Ob sich damals jemand hinter meinem Namen versteckt hat, weiß ich nicht", sagt er.
Der mögliche Verrat Kunderas ruft in Tschechien geteilte Reaktionen hervor. Sie reichen von Ungläubigkeit bis zu relativierenden Äußerungen. "Er war damals sehr jung, und die Zeit war eine völlig andere", wird etwa der Schriftsteller Ivan Klima in der größten tschechischen Tageszeitung Mlada Fronta Dnes zitiert. Die Prager Feuilletonisten fragen sich bestürzt, wie man künftig Kunderas Werk lesen müsse. Dieser gibt sich gelassener. "Natürlich werde ich das überleben", sagte er in seiner ersten Stellungnahme.
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