Pierre ist ein echter Kumpel. Einer, den man gerne zum Freund hat, zu dem man aufschaut, mit dem man sich gerne blicken lässt, um den andere einen beneiden. Alle mögen Pierre, die ganze Familie, die stockkonservativen und erzkatholischen Großeltern, die freizügigen und aufgeschlossen Eltern - und der kleine Olivier. Pierre ist für alle da, er versteht sich mit allen, gewinnt schnell das Vertrauen, er ist lustig, aber auch ernst, wenn es sein muss. Das Beste aber ist, dass er nie von seiner Kirche und seinem Glauben spricht. Jedenfalls drängt er sich damit nicht auf: Pierre ist Priester.
Eine Idealbesetzung, besser kann ein Seelsorger nicht sein. Er ist einfach nur für die Menschen da. Olivier Ka erzählt in seinem autobiografischen Comic "Warum ich Pater Pierre getötet habe" die Geschichte einer Begegnung, die sein Leben nachhaltig verändert hat. Was zuerst ein Roman werden sollte, in dem Ka, wie er sagt, sich etwas von der Seele schreiben wollte, drohte unter dem Eindruck des Erlebten, niemals fertig zu werden: Olivier Ka ist von Pater Pierre sexuell missbraucht worden. Erst die - über zwei Jahre währende - Zusammenarbeit mit dem Zeichner Alfred eröffnete einen Weg des Erzählens.
Olivier Ka hat lange gebraucht, da war er schon Vater einer zwölfjährigen Tochter und verdiente sein Geld als Radiomoderator und Schauspieler. Früh schon hat er auch angefangen zu schreiben, etwas, von dem er sagt, dass es immer auch "wirksam wie eine Psychoanalyse" ist. Doch erst mit 35 Jahren wurde ihm bewusst, dass "ich einen dauerhaften Spleen mit mir herumschleppe" und "ich mich schäme dafür, dass ich jahrelang geglaubt habe, was mir passiert ist, sei nichts Ernstes". Als Olivier Ka dann bei einer Trauung fluchtartig die Kirche verlassen muss und ihn eine Schreckensvision von Pater Pierre heimsucht, muss etwas geschehen.
Der Pater lebt immer noch in seinen Erinnerung fort, Olivier muss ihn los werden, ihn umbringen. Der Comic findet dafür eindringliche Bilder. Überlebensgroß und mächtig erscheint Pierre in der ersten Hälfte des Buchs. Er ist der Mittelpunkt im Leben des kleinen Oliviers. Ein kräftiger, bärtiger Mann, der Gitarre spielt, die große weite Welt kennt und den Kindern die schöne Natur zeigt. Der Zeichner Alfred findet unbekümmerte, federleichte Farbtableaus. Dann aber beginnt es, ungemütlich zu werden, die Bilder werden düster und alptraumhaft.
Pierre und Olivier, der sich etwas in seinen großen Freund verliebt hat, sitzen einträchtig am Strand. Der Erwachsene macht seinen Begleiter auf die badenden Kinder aufmerksam, einige tragen Shorts, andere kurze Badehosen. "Sie sind ungleich", stellt Pierre fest, "heute Abend sollten wir keine Badehosen tragen, dann wäre alles gleich". Auf einmal erscheint der Gottesmann als ein roter Teufel, Olivier fühlt sich unwohl: "Jemand anders hätte er nicht darum bitten können, denn wir sind wirklich Freunde, weil ich etwas Besonderes bin Ich darf jetzt keinen Rückzieher machen. Das wäre nicht richtig."
Dann wird es Nacht. Alle Kinder schlafen, nur Olivier ist noch wach und will sich am liebsten verstecken. Da kommt auch schon Pater Pierre und legt sich zu ihm. Alles Farbenfrohe verschwindet, dunkellila färbt sich die Szenerie ein, der Schlafsaal hüllt sich schließlich in ein nachtdunkles Grün. In groben Tuschestrichen sind nur noch die Umrisse Oliviers zu erkennen, Pierre erscheint wie eine große gesichtslose Masse, die sich über ihn und in seinen Schlafsack drängt: "Scheiße! Das ist sein Penis!!!" Die Zeichnungen Alfreds lösen in der Verdüsterung alles Gegenständliche auf. Es geht nur noch um Angst und Ekel.
Die Wahrheit liegt hier in der Abstraktion, es bleiben wenige Worte, alles fokussiert sich auf die einsame Panik Oliviers. Am nächsten Morgen aber geht das Leben weiter, in mehr oder weniger bunten Farben. Olivier wird noch einige Male das Ferienlager besuchen und auch weiterhin mit Pierre befreundet sein. Lange Zeit misst er dem Vorfall keine größere Bedeutung bei. Er wird älter und verliert den Pater irgendwann aus den Augen, aber nicht aus dem Leben. Bis er zusammenbricht und endlich beschließt, sich der Vergangenheit zu stellen und Pierre aufzusuchen - den einstmals strahlenden Übergottesmann.
Der aber ist alt und klein geworden. Und findet kein gemeinsames, auch kein entschuldigendes Wort. Für Olivier aber ist es die Erlösung. An dieser Stelle gehen gezeichnete und fotografierte Bilder ineinander über, es scheint, als sei der Comic der Wirklichkeit, die er doch zu finden versucht, am nächsten gekommen. Dabei wollte Olivier Ka in seinen Aufzeichnungen noch so viel mehr erklären, das repressiv-katholische Milieu, in dem seine Großeltern leben, seine "68-er Eltern" und ihre Gleichgültigkeit gegenüber religiösen Fragen - Doch erst im Comic findet er jene Bilder-Sprache, die ihn das Trauma verarbeiten ließ. Endlich, die Bilder haben den Gottesmann getötet.
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