Nicht der Verbrecher vernichtet das Vertrauen in den Rechtsstaat, sondern die Justiz, wenn sie dem Opfer kein Gehör schenkt und die Verfolgung des Verbrechers mutwillig hintertreibt. Und so haben auch nicht der Direktor und die Lehrer der hessischen Odenwaldschule, die jahrelang systematisch mindestens 132 Schüler sexuell missbrauchten, die Reformpädagogik diskreditiert, sondern die Schulleitungen und die Mitglieder des Trägervereins, die in den folgenden Jahren bis in die jüngste Zeit ihre Ohren vor den Klagen der Missbrauchten verschlossen und die Aufklärung der Verbrechen verhinderten.
Der inzwischen verstorbene Gerold Becker, von 1981 bis 1988 Direktor der Schule, und sein Pädophilenkartell haben – wie auch Priester in katholischen Internaten oder Mitarbeiter in Jugendheimen – Schutzbefohlene missbraucht und manche von ihnen in den Tod, viele in Drogen- und Alkoholabhängigkeit, etliche in schwerste Depressionen getrieben, aber mit ihrer Weigerung, den Opfern nachträglich zu ihrem Recht gegenüber den Tätern zu verhelfen, haben die schulischen Institutionen einen Anschlag auf die Reformpädagogik verübt, von dem sie sich nicht mehr erholen dürfte, jedenfalls nicht in der Odenwaldschule in Ober-Hambach.
Blick frei auf seelische Verwüstungen
Wenn ein Buch der Saison das Attribut „schonungslos“ verdient, dann „Wie laut soll ich denn noch schreien?“ von Jürgen Dehmers. Sein Report ist schonungslos in jeder Beziehung. Dehmers schont nicht die Leser, nicht die Täter und schon gar nicht sich selbst. Zwei Bücher sind bisher über die Verbrechen an der Odenwaldschule erschienen, aber erst Dehmers gibt den Blick frei auf die seelischen Verwüstungen, die die Verbrechen in den Opfern hinterlassen haben.
Dehmers war Opfer, und er ist es bis heute. Mit verhaltenem Zorn, aber schockierend präzise schildert er die Methoden Beckers und seiner Komplizen, um sich die zwölf-, dreizehn-, vierzehnjährigen Jungs gefügig zu machen, die Bestechung mit Alkohol, die Erpressung mit sozialer Isolation, die brutale Gewalt („…wie Becker morgens in sein Zimmer kam, sich an das Bett des Zwölfjährigen setzte, ihm seinen erigierten Penis in den Mund schob und dem noch im Bett liegenden Jungen, ihm am Hinterkopf an den Haaren festhaltend, den Kopf vor und zurück bewegte…Er lag noch im Bett, weil er krank war.“)
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