Zu jeder zünftigen Rap-Platte gehört ein Intro. Oft eine vom Rapper höchstselbst gesprochene Einleitung, in der kurz sein künstlerisches Wirken, seine erstaunlichen Einkünfte, das Gewicht seines Goldschmucks und die Größe seines primären Geschlechtsorgans in einen größeren Zusammenhang eingeordnet werden. Etwas elegantere Vertreter des Gewerbes lassen die Lobhudelei von jemand anderem, gern legendären Stimmen aus Horrorfilmen, aufsagen. Common dagegen kommt uns Französisch.
Bevor der erste Ton erklungen ist, und auch wenn die junge Frau kaum mehr in fremder Zunge säuseln darf, als dass dieses Album neu ist und "Universal Mind Control" heißt, ist dem Rapper aus Chicago bereits der erste Distinktionsgewinn gelungen. Der Mann hat schließlich einen Ruf zu verteidigen: Lonnie Rashid Lynn Jr., 36 Jahre alt mittlerweile, gehört mit Mos Def und The Roots zu den Überresten des so genannten Conscious Rap, der in den Neunziger Jahren mit intellektuell anspruchsvolleren, gesellschaftkritischen und politisch bewussten Texten ein Gegenstück zum Gangsta-Rap abgeben sollte.
Nun lehnten die Protagonisten selbst die Schublade Conscious Rap schon immer ab, weil sie sich von der weißen Mehrheit vereinnahmt und gegen ihre schwarzen Brüder als freundlicher Vorzeige-Afroamerikaner in Stellung gebracht fühlten. So lässt sich dieses achte Album von Common auch lesen als sein entschiedenster Versuch, diesem ungeliebten Image endlich zu entfliehen.
Das Album, das ursprünglich eigentlich "Invincible Summer", also "unbesiegbarer Sommer" heißen sollte, ist ausdrücklich konzipiert für den Club, die Themen sind vergleichsweise leicht. Neben dem üblichen Rapper-Geprotze, wer die schicksten Reime aufsagen kann, geht es um die Liebe, um Frauen, um das Leben und seine schönen Seiten. Natürlich entwickelt Common mit seinen lyrischen Fähigkeiten auch aus solchen scheinbaren Selbstverständlichkeiten oder aus einem Duett mit seiner elfjährigen Tochter eine gesellschaftliche Relevanz. Aber die kämpferische Attitüde früherer Veröffentlichungen hat er diesmal vernachlässigt.
Stattdessen war Common musikalisch womöglich noch nie so zeitgemäß. Während ältere Platten meist bewusst klassische Sounds zitierten oder manchmal in eine virtuelle Zukunft blickten, stand diesmal konzeptionell vor allem tanzbodentaugliche Beschallung auf dem Programm. Die dafür zuständigen Koryphäen, Pharrell Williams' Produzententeam The Neptunes und dem Outkast-Produzenten Mr.DJ, haben Common nun Tracks zusammengeschraubt voller euphorischer Bläsersätze und in den Magen fahrender Basslinien, in der vorderen Hälfte des Albums eher knalligen, später dann vorzugsweise schick tröpfelnden, aber jederzeit tanzbaren Beats.
Das Gewissen im Club
So ist eine Gratwanderung entstanden zwischen den Ansprüchen des Clubs und denen des eigenen Gewissen. Die aber gelingt Common erstaunlich souverän. Eine Gratwanderung, die er ja auch im Leben schon länger meistert, wenn er einerseits als Schauspieler in Hollywood-Großproduktionen reüssiert, für den Grammy nominiert wird, sein Gesicht für Werbekampagnen hergibt und als Lebensgefährte von Tennisstar Serena Williams durch die Klatschpresse turnt, andererseits aber weiter afro-amerikanische Interessen artikuliert, soziale Initiativen anstößt, Kinderbücher schreibt oder sich als Barack-Obama-Unterstützer profiliert.
Man darf also konstatieren, dass der Conscious Rap, wenn es ihn denn jemals gegeben hat, seine besten Tage hinter sich hat. Dass aber, solange seine zwangsverpflichteten Vertreter wie Common noch solche Alben wie "Universal Mind Control" fertigen, es einem doch um HipHop nicht bange sein muss. Zumindest in absehbarer Zeit wird es noch Alternativen geben zum die Charts verstopfenden Gangsta-Einheits-Rap.
Common: Universal Mind Control (Geffen/ Universal)
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