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17. Juni 2014

Mohammed-Karikaturist Kurt Westergaard : „Ich bin eine Persona non grata“

 Von Klaus Staeck
„Ich habe nur meine Arbeit getan“, sagt Kurt Westergaard (r.) im Gespräch mit Klaus Staeck.  Foto: Manfred Mayer

Klaus Staeck spricht in der Akademie der Künste in Berlin mit Kurt Westergaard über dessen Mohammed-Karikaturen, dänische Toleranz, rechtspopulistischen Missbrauch und ein Leben unter Polizeischutz

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Der Grafiker und Akademiepräsident Klaus Staeck hat anlässlich eines privaten Besuchs Kurt Westergaards und seiner Frau Gitte in der Akademie der Künste in Berlin im Beisein der deutschen Kollegen Til Mette und Klaus Stuttmann ein Gespräch mit dem dänischen Karikaturisten geführt.

Kurt, deine Personenschützer sagen, dass sich in den letzten neun Jahren seit der Karikaturenkrise am Grad der Bedrohung nichts geändert habe. Kürzlich wurde sogar auf ein Bild von dir geschossen. Wie gehst du damit um?
Mit Humor. Wir sind Satiriker. Und solange meine Frau und meine Familie es mittragen, geht es. Karikaturisten leben auf allen Kontinenten gefährlich. Ein Deutscher, Otto Julius Bierbaum, hat einmal gesagt: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Ich versuche danach zu leben. Mit 79 Jahren hat man ohnehin nicht mehr viel zu verlieren. Jedenfalls resigniere ich nicht.

Du hast immer betont, dass die Mohammed-Karikatur, 2005 veröffentlicht in der dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“, keine bewusste Provokation war. Du sagst, du hast nur deine Arbeit als Karikaturist gemacht. Siehst du das aus heutiger Perspektive noch genauso?
Welche Art Beruf ist es denn, den ich und andere Karikaturisten ausüben? Sind wir Pausenclowns, die den Leser bei der Wanderung über die endlosen Wortsteppen der Zeitungsspalten erquicken und vielleicht amüsieren? Oder sind wir feinfühlige Seismographen, die die Schwingungen zukünftiger politischer Erdbeben erfassen – mitsamt den daraus resultierenden Katastrophen? Zeichnen wir satirische Straßenbomben, jedoch nicht um zu sabotieren, sondern um zu warnen und die Politik wieder auf Kurs zu bringen? Satire wird geliebt, aber auch gehasst. Die Mächtigen dieser Welt fürchten, glaube ich, die satirische Karikatur mehr als Berge analysierender Artikel. Denn die Zeichnung ist ein Appell, den keine Analyse leisten kann. Satire kommt nicht von ungefähr. Es gibt immer eine Provokation. Ich erinnere an die alte Anekdote über Pablo Picasso, der 1937 während des spanischen Bürgerkriegs das berühmte Bild „Guernica“ malte, nachdem nationalsozialistische Flugzeuge die kleine Stadt Guernica bombardiert hatten. Während der deutschen Besatzung in Frankreich, begegnete Picasso einem deutschen Luftwaffenoffizier, der ihn fragte: Waren Sie es, der „Guernica“ gemacht hat? Nein, antwortete Picasso. Sie waren es! Eine kleine Anekdote, die eigentlich auch schon eine Arbeitsanleitung für einen Satiriker ist.

Du sagst, „die dänische Satire schont niemanden – nicht die Königin, nicht den Premier, den Bischof, Jesus, auch nicht Mohammed.“ Ist das ein Credo für deine Arbeit oder für die Arbeit der gesamten dänischen Karikaturisten-Szene?
Es gibt ja auch noch die religiöse Frage. Darf eine Religion sich über die Demokratie stellen und Sonderbehandlung verlangen? Die dänische Antwort ist NEIN. Als einen alten, freundlichen und was Religion angeht, toleranten Atheisten mit großem Respekt gegenüber dem Glauben eines jeden und seinem Recht, diesen Glauben zu haben, hat die Intoleranz einer Religion mich und meine Landsleute wohl überrascht. Als Atheist möchte ich gern an die alte Anekdote aus Nordirland erinnern. Ein Mann muss an einer Straßensperre anhalten. Der Mann hinter ihr fragt: Sind Sie Katholik oder Protestant? Der Mann antwortet: Ich bin Atheist. Der Mann hinter der Sperre fragt: Sind sie katholischer Atheist oder protestantischer Atheist? Dänemark hat eine große Gruppe von Muslimen aufgenommen, mit allem, was der dänische Sozialstaat bietet: Geld, Unterkunft, Schulbildung, kostenfreie Hochschulausbildung. Als Gegenleistung erwarten wir nur, dass unsere demokratischen Traditionen respektiert werden. Dass wir in Dänemark unsere muslimischen Mitbürger satirisch darstellen, bedeutet nicht Exklusion, sondern Inklusion in die Gesellschaft. Sie werden satirisch behandelt genau wie ethnische Dänen.

„Karikaturisten leben auf allen Kontinenten gefährlich“, sagt Westergaard.  Foto: Manfred Mayer

Wie stehst du inzwischen zu den Mohammed-Karikaturen? Würdest du sie mit dem heutigen Wissensstand noch einmal machen?
Ich wollte mit meiner Zeichnung darstellen, dass einer Religion auch Extremisten angehören, die Teile ihrer Heiligen Schrift als geistige Munition und als Sprengstoff für Mord und Zerstörung gebrauchen – oder missbrauchen. Die Zeichnung war richtig. Jetzt will man mich umbringen. Aber ich gedenke zu überleben und in Zusammenarbeit mit PET, dem Geheimdienst der dänischen Polizei, ein nahezu normales Leben zu leben. Die Leute vom PET sind hochprofessionell in Bezug auf die Sicherheit und haben dazu noch hervorragende menschliche Qualifikationen. Sie zeigen immer Verständnis und Anteilnahme. Sie begleiten mich überall hin. Daher auch unser interner Witz, dass sie sich über zwei Dinge freuen, die ich nicht tue. Sie freuen sich, dass ich, anders als viele Skandinavier, nicht im eiskalten Meer winterbade, und sie sind auch ganz zufrieden damit, dass ich kein Nudist bin. Ich bin stolz darauf, in einem kleinen und sehr toleranten Land zu leben, welches vielleicht nach der sogenannten Mohammed-Krise seine internationale Unschuld verloren hat, aber auch ein Land ist, in dem jeder Politiker das Recht auf Meinungsfreiheit verteidigt.

Hast du damals Solidarität aus der Politik und von deinen Künstlerkollegen erfahren?
Es gibt keine hundertprozentige Solidarität. Leider haben sich viele Intellektuelle enttäuschend schnell aus der Debatte zurückgezogen. Einige meiner Kollegen, die mit mir zusammen für „Jyllands-Posten“ Karikaturen zum Thema Islam gezeichnet haben, waren hinterher sogar bereit, sich zu entschuldigen. Ich sehe bis heute nicht ein, weshalb und wofür ich mich entschuldigen soll. Ich habe nur meine Arbeit getan. Und wenn die Arbeit gut ist und dem Gesetz nicht widerspricht, sollte man sich nicht entschuldigen.

Was sagst du zu der Tatsache, dass eine rechtspopulistische Partei wie Pro NRW dein Mohammed-Motiv für ihre Plakate benutzt hat, um bei öffentlichen Kundgebungen ganz bewusst Muslime zu provozieren?
Als ich von diesem Missbrauch hörte, habe ich sofort über meine Gewerkschaft und auch juristisch versucht, dagegen vorzugehen. Leider ohne Erfolg. Ich kann den Gebrauch der Zeichnungen nicht kontrollieren.

Hast du noch aktive Kontakte zu dänischen Zeitungen, werden deine Karikaturen noch veröffentlicht?
Ich bin eine Persona non grata für die dänischen Zeitungen. Die dänischen Medien haben Angst und sind von Vorsicht beherrscht. Aber ich zeichne noch und verkaufe meine Bilder. Außerdem habe ich zusammen mit meinem Galeristen Erik Guldager eine Stiftung gegründet, wir unterstützen Künstler, die in Bedrängnis geraten sind, so zum Beispiel einen russischen Kollegen, der seine Arbeit verloren hat. Gleichzeitig fördern wir eine Schule in Haiti und eine Fußballschule in Ghana.

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