Kermani: Mark Rothkos Geschichte scheint mir nicht ohne weiteres auf die Situation in Deutschland übertragbar zu sein. Künstler mit einem nichtdeutschen Hintergrund können tun, was sie wollen, sie werden von der Rezeption, von den Zeitungen, von den Veranstaltern, von dem Publikum dennoch häufig ethnisiert, d. h. mit Blick gerade auf ihre ethnische oder kulturelle Herkunft wahrgenommen.
Leggewie: Man kann Fremde auch in freundlicher Absicht in ein Ghetto sperren!
Kermani: Offenbar haben wir also doch ein Problem mit der Interkultur. Vielleicht nicht die Künstler selbst, aber doch die Gesellschaft. Etwas überspitzt: Jemand wie Rothko müsste sich in Deutschland ständig zu Putin äußern, er müsste sich für Tschetschenien rechtfertigen und wäre qua Herkunft Experte für die orthodoxe Kirche. Jeder, der in Deutschland im Kulturbetrieb tätig ist, aber keine deutschen Eltern hat, kennt das: Er kann sich vor Einladungen zu multikulturellen Themen nicht retten. Aber bei einer Diskussion über Goethe bleiben die Meiers und Schulzes unter sich. Diese Haltung beruht im Übrigen auf einer Ignoranz gegenüber dem, was die deutsche Kultur im besten Sinne ausmacht. Nicht nur hatte sie schon früh einen Begriff von einer Weltkultur, die nationale Zuschreibungen missachtet. Sie wurde zu einem wesentlichen Teil von Künstlern, Literaten und Intellektuellen geschaffen, die im ethnischen oder nationalen Sinne nicht deutsch waren. Denken Sie nur an Kafka. Der Fall Rothko beschreibt einen Soll- nicht den Ist-Zustand.
Leggewie: Ich will sagen: Kunst ist nicht für alle. Aber Kulturpolitik ist für alle. Sie soll sich allerdings nicht als ein Mittel der Sozialpolitik begreifen, sondern als Kunstförderung. Sie soll nicht nach Quoten gehen, sondern die wirklich scharfen, neuen Sachen unterstützen. Die kommen von überall her. Deswegen wäre es so wichtig, der Akademie, die hier in Köln entstehen soll, einen internationalen Anstrich zu geben.
Kermani: Wir neigen heute mehr als vor zehn oder 20 Jahren dazu, Konflikte zu kulturalisieren. Das heißt von ökonomischen, sozialen, politischen Entwicklungen abzusehen oder sie zu relativieren und immer stärker die Kultur als Grund heranzuziehen, warum etwas schief läuft, warum etwas sich so verhält, warum der Andere so ist wie er ist. Da waren wir sicherlich vor 20 Jahren in der Beurteilung von Konflikten säkularer. Wenn die Kultur immer wichtiger wird für die Analyse von bestimmten sozialen oder ästhetischen Vorgängen, dann wird auch der Künstler zunehmend kulturalisiert.
Das kann dem einen oder anderen - dank einer Quote - hier und dort mehr Geld bringen. Seht her, das ist ein Türke oder das ist ein Pole oder das ist ein Iraner, was will er uns sagen! Zu den Rollen, die in den Debatten, in den Talkshow und auf den Festivals fast immer besetzt wird, gehört auch die des Migranten. Das betrifft natürlich auch mich selbst, keine Frage.
Wenn wir uns in Köln für die Öffnung der Institutionen einsetzen, wenn wir sagen, diese Institutionen müssen einen Begriff der Nationalkultur aufsprengen, der aus dem 18., 19. Jahrhundert stammt und bis heute unsere Schauspielhäuser, unsere Opernhäuser, unsere Akademien prägt - dann sagen wir das nicht aus sozialen Gründen. Wir sagen es aus ästhetischen Gründen. Sozial hat das höchstens langfristig Nebenwirkungen. Der deutschen Kultur ist im im Laufe des 20. Jahrhunderts viel von der Vielfalt abhanden gekommen, die sie zu Beginn desselben noch auszeichnete. Wenn man die deutsche Literatur der 20er Jahre nimmt, dann war sie vielfältiger in ihren Motiven, in ihren kulturellen Bezügen, in ihrer religiösen Schwingungen, als die deutsche Nachkriegsliteratur bis in die 90er Jahre hinein.
Oft betonen wir allerdings zu sehr die politische Motivation, wenn es darum geht, bestimmte Gelder zu bekommen, bestimmte politische Förderer zu gewinnen. Wir verkaufen so ein ästhetisches Ziel sozialpolitisch.
Leggewie: Da liegt der Fehler. Es funktioniert auch nicht. Natürlich sind die Künstler der zweiten, dritten Einwanderergeneration häufig auch sozial unterprivilegiert. Sie sind ärmer, sie haben weniger Zugang, sie haben weniger Bildungschancen usw., sie werden bei der einen oder anderen Akademie oder bei dem einen oder anderen Vorsingen nicht aufgenommen. Dagegen muss sicher etwas getan werden.
Aber die guten Künstler sollen nicht aus sozialkompensatorischen, sondern aus ästhetischen Gründen engagiert werden. Die soziale Ungleichheit in diesem Land muss sehr viel stärker bekämpft werden, als es in den vergangenen 15 Jahren geschehen ist. Aber nicht, in dem man die ästhetischen Ziele verrät. Die Hybridisierung - das ist ein furchtbares Wort -, die Durchmischung - das ist noch schrecklicher - der deutschen Kulturszene ist ästhetisch ein Gewinn. Nicht für die deutsche Kultur, sondern für die Kultur.
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