Kermani: Herr Leggewie, stimmt es, dass wir Ihnen den Begriff der multikulturellen Gesellschaft zu verdanken haben?
Leggewie: So halb. Ich habe den Begriff Multikulti nicht erfunden, aber ich habe ihn importiert. 1988 bereitete ich ein Buch vor, in dem es um die multikulturelle Gesellschaft gehen sollte. Ich hatte zu tun mit Daniel Cohn-Bendit und dem in Frankfurt am Main entstehenden Amt für multikulturelle Angelegenheiten. Den Namen gab es bereits oder er war doch in Planung. Für das Buch suchten wir noch nach einem Titel. In New York kam ich drauf. In "Sounds of Brazil", einem Jazz-Lokal, spielte eine Gruppe von Don Cherry namens Multikulti. In der Pause sprach ich den Bassisten an, einen freundlichen Afro-Amerikaner. "Warum heißt eure Gruppe Multikulti", fragte ich ihn. "I don't know", antwortete er. Da trat Don Cherry hinzu und erklärte: In dieser Gruppe sind Koreaner, Südamerikaner, US-Bürger. Darum Multikulti. Ich rief mitten in der Nacht meinen Freund und damaligen Rotbuch-Lektor Otto Kallscheuer an: "Wir haben einen Titel. Multikulti".
Claus Leggewie und Navid Kermani beschäftigen sich seit Jahren mit den Problemen der Einwanderungsgesellschaft.
In Köln kamen Leggewie und Kermani für eine Diskussion zusammen. Anlass war ein von der Stadt Köln veranstaltetes Symposium. Es diente der Entwicklung eines Konzepts für ein Haus der Kulturen der Welt in Köln und eine dort anzusiedelnde Internationale Akademie der Künste der Welt. Wir drucken Passagen des Gesprächs ab und danken Teilnehmern und Veranstaltern für die freundlich erteilte Genehmigung.
Kermani: Wenn man heute mit dem Abstand von 20 Jahren die ersten Schriften zur multikulturellen Gesellschaft liest, also die Arbeiten von Claus Leggewie, von Daniel Cohn-Bendit, die Geschichte der Frauenhäuser studiert - auch dort begann das Nachdenken über die multikulturelle Gesellschaft -, oder sich an die ersten Bücher von Autoren wir Özdamar oder Zaimoglu erinnert, der wird feststellen: Das waren alles andere als Loblieder auf die multikulturelle Gesellschaft. Die Ersten, die auf die Probleme aufmerksam gemacht haben, die heute jeden Lokalverband der CDU aufschrecken, sind die, die heute als blauäugig gelten. Damit aber zu einem Aspekt Ihrer Arbeit, der Bedeutung von Interkultur, wie man heute sagt.
Leggewie: Mit Interkultur bezeichnet man heute eine ethnische Nische im Kulturbetrieb, der die Kulturämter immer irgendwie aufhelfen wollen. Mir fällt beim Zusammenhang von Kunst und Einwanderung die Geschichte von einem berühmt gewordenen russisch-jüdischen Einwanderer ein, die ich vielleicht kurz erzählen darf. Im Dezember 1913 kam ein gewisser Markus Rothkowitz aus dem russischen Minsk in Alice Island an, der Sehnsuchtsinsel von New York.
Der zehnjährige Markus, der von Haus aus Jiddisch, Hebräisch und Russisch spricht, lernt rasch Englisch. Als der Vater stirbt, schlägt Markus sich als Zeitungsverkäufer durch und schafft mit 17 einen glänzenden Abschluss an der Lincoln Highschool in Portland. Er sucht die jüdische Gemeinde auf, begeistert sich für die russische Revolution, tritt für die Rechte von Arbeitern und Frauen ein. Rothkowitz erhält ein Stipendium an der renommierten Yale University, aber wie verspießert und rassistisch er sie empfindet, kann man einem von ihm begründeten Satiremagazin entnehmen, der Yale Saturday Evening Pest.
Im zweiten Jahr steigt er aus, übernimmt Gelegenheitsjobs in New York, wo er mit dem Künstlermilieu Bekanntschaft macht. Er schreibt sich an der New School of Design ein, versucht sich als freier Künstler. Leben kann er von seiner Kunst nicht. Im New Deal findet er Anstellung bei einer staatlichen Agentur, die Aufträge zur Verschönerung öffentlicher Gebäude vermittelt. Rothkowitz wird amerikanischer Staatsbürger. 1940 nimmt er den Namen Mark Rothko an, unter dem er einer der bedeutendsten Künstler des 20. Jahrhunderts wird. 1970 nimmt er sich - schwer erkrankt - das Leben. Heute ist er einer der meistbekannten und teuersten Künstler der Welt.
Kermani: Sie meinen, er hat sich unsere Lieblingsfrage nach der Integration nicht gestellt.
Leggewie: Entweder gar nicht oder sehr existenziell. Nur die Kunst erlaubte ihm das Überleben. Rothko hätte jeden Versuch dem Künstler die Aufgabe der sozialen Integration zu stellen, als Zumutung zurückgewiesen. Das sollte jeder Kulturverwaltung bewusst sein, die in Versuchung steht, Kunstförderung als Sozialpolitik misszuverstehen und dabei oft nur mediokre Kunst und schwache Sozialarbeit erreicht. Was Rothkowitz zu Rothko machte, war allem voran das Bestreben, mit seiner Kunst ein universelles menschliches Drama auszudrücken. Er wollte nie die Weltsicht einer ethnisch-religiösen Gemeinschaft widerspiegeln, sondern alle der Kunst aufgeschlossenen Menschen sehen lehren. Dieser radikale Individualismus schuf Kultur und bildete sie nicht ab. Rothko wollte nicht Interkultur, sondern Kultur. Die Erfahrung der Migration und die Leidensgeschichte des jüdischen Volkes bleiben an vielen Stellen in seinem Werk spür- und sichtbar. Aber sie lassen sich nicht propagandistisch ausschlachten für einen Minoritäten- oder Opferdiskurs.
Kermani: Aber was sagt uns die Geschichte heute?
Leggewie: Jeder Dialog zwischen den Kulturen ist nur fruchtbar, wenn er solche Substanzen und Selbstverständnisse von Kulturen hinterfragt und auflöst. Kunst und Kultur mehren bestenfalls das Glück der Individuen. Sie sollen nicht die Herrschaft der Gruppe festigen. Jede Kultur ist interkulturell.
Kermani: Wenn das so ist, was ist dann Interkultur?
Leggewie: Eine Nischenkultur, die das offenbar bleiben will und deshalb einen künstlichen Gegensatz zu den Etablierten aufbaut. Sie setzt auf Quote statt Qualität. Also auf eine anteilige Repräsentation im und auf Finanzierung durch den Kulturbetrieb. Was dabei herauskommt, kann man bei gewissen Festivals der Interkultur besichtigen, wenn ethnisch-homogene Darsteller vor ethnisch-identischem Publikum Folklore präsentieren und alle froh sind, dass es stattgefunden hat.
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