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09. Dezember 2011

Mumia Abu-Jamal: Unverzeihlich für eine Demokratie

 Von Stephan Hebel
Mumia Abu-Jamal im Jahr 1995.  Foto: dapd

Mumia Abu-Jamal hat die letzten 30 Jahre als "Todeskandidaten" in Haft verbracht. Nun wurde der staatliche Mord ersetzt durch ein Leben im Knast bis zum Tode.

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Am 9. Dezember 1981 wurde in Philadelphia der junge Polizist Daniel Faulkner erschossen. Mumia Abu-Jamal hat die genau 30 Jahre, die seitdem vergangen sind, in Gefangenschaft verbracht, den größten Teil davon als das, was man einen „Todeskandidaten“ nennt, als würde jemand für den Tod kandidieren. Nun hatte der Staatsanwalt das, was man in der US-Justiz wohl ein Einsehen nennt: Der staatliche Mord wird ersetzt durch ein Leben im Knast bis zum Tode.

Abu-Jamal, Black-Panther-Aktivist und Radiojournalist, im Gefängnis dann Buch- und Kolumnen-Schreiber, ist über die Jahre weltweit zur Symbolfigur des Streits über die Todesstrafe geworden. Wer die weniger prominenten Insassen der Todestrakte vergisst, wird einfach nur erfreut und erleichtert sein. Wer sich den Fall und die Debatte etwas genauer anschaut, wird eher noch einmal erschrecken über das, was die „größte Demokratie der Welt“ unter Gerechtigkeit versteht.

Das gilt selbst dann, wenn man außer acht lässt, dass schon der Schuldspruch gegen Abu-Jamal, der die Tat bestreitet, voller Fragwürdigkeiten steckte. Amnesty international und andere Beobachter sahen in dem Prozess, der in einem Klima rassistisch aufgeladener Empörung stattfand, elementare Anforderungen an ein faires Verfahren verletzt, sprachen unter anderem von „unzureichender Vertretung vor Gericht und offener Feindseligkeit des Richters“ gegen den Angeklagten.

Aber nehmen wir an, Abu-Jamal wäre tatsächlich schuldig. Der heutige Ehemann der Witwe von Daniel Faulkner hat einmal gesagt: „Rache gehört zur Gerechtigkeit.“ Maureen Faulkner selbst drückte denselben Gedanken so aus: „Ich will erleben, dass er getötet wird. Ich glaube an die Todesstrafe. Danny glaubte an die Todesstrafe. Und Mumia glaubte an die Todesstrafe: Er schoss Danny in den Rücken.“

Deutlicher hat wohl selten jemand ein „Rechts“-System gefordert, das es sich zum Prinzip macht, den Mördern, die es verfolgt, so gleich wie nur irgend möglich zu werden. Das mag man der Witwe eines Opfers verzeihen. Einer Demokratie, die sich Rechtsstaat nennt, aber nicht.

Wenn wir über etwas erleichtert sein können, dann darüber, dass uns dieser Fall an die humanitären Errungenschaften der europäischen Rechtskultur erinnert. Also daran, dass unser Recht die Rache nicht exekutiert, sondern zivilisatorisch zähmt durch die Gedanken der Prävention und der Resozialisierung.

Wer diese Errungenschaft ernst nimmt, der sollte jetzt nicht jubeln, sondern sich fragen: Was soll uns erfreuen an der Praxis, einen Menschen bis zum Tode gefangen zu halten?

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