Hinter dem halbtransparenten Edvard Munch schimmern gelegentlich seine Gemälde durch, eine Folge der langen Belichtungszeiten. Munch arbeitete gerne mit Selbstauslöser, er porträtierte sich auch, indem er den Apparat mit der Hand von sich weghielt. Vielleicht, meint Kuratorin Angela Lampe, war er der Erste, der seinen Kopf – seinen schönen Kopf – auf diese Weise abfotografierte. Die kleinen Fotografien sollen diesmal aber keine Beigabe sein, keine Dokumentation. Die frisch gerahmten Abzüge von Munchs Hand werden hier vielmehr in eigenen Abteilungen inszeniert, keine Fotokunst, aber doch Teil des experimentierfreudigen Großprojektes einer Selbst- und Welt-Erfassung.
1992 zeigte die Schirn Kunsthalle in Frankfurt „Munch in Frankreich“. Seit heute, fast zwanzig Jahre später und als 200. Schau des Hauses überhaupt, präsentiert sie in Zusammenarbeit mit dem Centre Pompidou in Paris die Ausstellung „Der moderne Blick“. Anschließend gehen die Bilder in die Tate Modern nach London. Das sei keine Retrospektive, sagt Angela Lampe vom Centre Pompidou, die zusammen mit Clément Chéroux (und in Frankfurt unterstützt von Ingrid Pfeiffer) die Ausstellung kuratierte. Man habe nicht berühmte Werke aufreihen wollen – und hätte damit auch Schwierigkeiten gehabt. Indem die beiden „Schrei“-Gemälde nicht mehr reisen dürfen – und in der Tat ist das eine Munch-Schau ganz ohne „Schrei“ –, wird das künftig außerhalb Oslos auch nicht mehr leicht möglich sein.
Nun gehe es darum, den unbekannteren, späteren Munch näher zu beleuchten, wobei „später“ die 44 Jahre nach 1900 sind. Die Frage, so Lampe, sei nicht, ob Munch, Jahrgang 1863, ein „Künstler der Moderne“ sei. Aber als „modernen Künstler“ wolle man ihn zeigen: der sich für neue Technologien interessierte, künstlerisch von ihnen profitierte. Eine Nuance, die im Zusammenhang mit Munch mehr überrascht als bei anderen. Das Bild vom depressiven, weltabgewandten Einzelgänger wird dabei nicht weggewischt, aber erheblich angereichert.
Im Übrigen trifft der Betrachter gleich am Anfang dennoch auf den vertrauten Munch, unter der Überschrift „Wiederholungen“ werden die „Mädchen auf der Brücke“-Gemälde gezeigt und eine Auswahl jener Motive, in denen er sich regelrecht festbiss, „Vampir“, „Der Kuss“, „Die Einsamen“. Später dann „Die weinende Frau“: Auf Gemälden und als Fotografie, Skulptur, Papierarbeit dokumentiert sie eine „Obsession“ (so heißt dieser Abschnitt auch zu Recht). Im Anschluss aber kann man sich geradezu im Wechsel anschauen, wie Munch einerseits mit sich selbst, andererseits aber intensiv auch mit der Welt um sich her befasst war: 1902 kaufte er sich einen kleinen Fotoapparat, 1927 eine Filmkamera für den Hausgebrauch – die erhaltenen Filme zeigen Straßenszenen wie auf einem Munchbild.
Aber auch umgekehrt ließ sich der frühe Cineast beeinflussen: „Pferde im Galopp“ nimmt eine klassische Filmperspektive ein, in der Züge, Reiter, Tierherden auf das Publikum im Kino zurasten und es damit bereits in den Vor-3D-Zeiten ausreichend erschreckten. Die Gemälde rund um den handgreiflichen Streit mit dem Kollegen Ludvig Karsten mit Westernszenen in Verbindung zu bringen, ist keineswegs überzogen.
Grandios ist der „Auf der Bühne“ benannte Abschnitt, der theaterreife (manchmal auch tatsächlich Theater-)Szenen zeigt, das intime, gefährlich nahe Theater von August Strindberg und Max Reinhardt. Wie die Figuren den Betrachter unverwandt anstarren, wie spontan und bei irgendetwas Ungutem unterbrochen, ist wiederum ohne die Fotografie kaum denkbar.
Insgesamt beeindruckt die jenseits der berühmten symbolistischen Arbeiten oft beiseite gelassene Motivfülle. Man muss sich Munch nun als Mann vorstellen, der rasch die Skizze eines brennenden Hauses anfertigt, um „Das Haus brennt!“ zu malen. Der sich für die sozialistische Frage genug interessierte, um einfache Leute bei der Arbeit zu malen – die „Arbeiter im Schnee“ etwa, die 1924 in eine japanische Privatsammlung kamen und seither nur noch einmal in Europa zu sehen waren. Der sich aber auch röntgen ließ, gerne Radio hörte, elektrisches Licht ausschweifend genoss und sich als Maler vielfach mit der Frage befasste, wie Strahlung sich visualisieren lässt.
Die Auseinandersetzung mit dem nach 1930 eingetretenen Augenleiden zeigt Munch noch einmal als manischen Experimentierer. Bevor es zu den Selbstporträts kommt, die er schließlich im Jahresabstand herstellte. Wie die Fotografien zeigen sie keinen Künstler, keinen Bürger, überhaupt keinen Rollenspieler. Seine Verlorenheit ist keine Pose, sondern liegt in der Sache: dem Leben in der uns nur zu bekannten Welt.
Schirn Kunsthalle, Frankfurt: bis 13. Mai. Katalog (Hatje Cantz) 39,80 Euro. www.schirn.de
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