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08. Januar 2016

Museen : Europa, ganz selbstverständlich

 Von Sebastian Borger
Der Triumph der Erzherzogin Isabella beim Ommeganck von Brüssel am 31. Mai 1615, gemalt von Denys van Alsloot (Ausschnitt).  Foto: Victoria and Albert Museum

Wie das Londoner Victoria & Albert-Museum unter seinem deutschen Direktor mit dem politischen Thema umgeht.

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Im Radio versichern beinahe täglich Funktionsträger aus Schweden, Holland oder Deutschland, wie wichtig ihnen Großbritanniens Verbleib „in Europa“ ist. Premier David Cameron trifft sich im Monatsabstand mit Kanzlerin Angela Merkel und wirbt um deren Einverständnis zu schemenhaften Reformideen. Zunehmend hektischer bemühen sich Befürworter und Gegner der EU um die Gunst des Publikums, schließlich wird in diesem Jahr die Volksabstimmung über den Verbleib im Brüsseler Club erwartet. Fast immer ist von einem Gegensatz die Rede, als gehörten die britischen Inseln nicht zu Europa wie Tasmanien zu Australien, geographisch, politisch, wirtschaftlich, kulturell.

Vergewissern wir uns also und streben an einem sonnig-kühlen Januartag einer Trutzburg an der Cromwell Road im Londoner Stadtteil Kensington zu. Das Victoria-und-Albert-Museum, kurz V & A, benannt nach der Monarchin des 19. Jahrhunderts (1837-1901) und ihrem 1861 verstorbenen deutschen Ehemann, beherbergt „das weltweit führende Museum für Kunst und Design“, wie es in der unbescheidenen Selbstbeschreibung heißt. Gerade haben die Museumsmacher die Umgestaltung des gesamten Vorderflügels abgeschlossen, ganz neu erstrahlt die Galerie „Europa 1600-1815“. Erstmals haben die im Tiefgeschoss gelegenen Räume nun Tageslicht, sind insgesamt lichter, luftiger und offener geworden.

Die Säle waren in den 1950er Jahren erstmals eingerichtet worden, als Hommage an den übel zugerichteten Kontinent und als Gegensatz zur Brutalität und Menschenverachtung Nazi-Deutschlands, der sich Großbritannien und seine Verbündeten im Zweiten Weltkrieg erwehren mussten. Seht her, lautete damals die Aufforderung an das britische Publikum: Europa ist nicht nur Brutstätte verbrecherischer Ideologien und Bedrohung der Zivilisation, sondern Hort von Schönheit, Begabung, Handwerkskunst.

Welches Haus hätte die damalige Botschaft besser verkünden können als das vom deutschen Prinzgemahl Albert konzipierte Museum, das sich längst von dessen Idee eines Horts für hochstehendes Handwerk weiterentwickelt hatte. Seit mehr als 150 Jahren stellt das V & A einen Mischmasch dar aus Bildhauerei und Malerei, Zeichnungen und Keramik, Kunstgewerbe und Handwerk, und alles auf höchstem Niveau. Ein früherer Direktor, Roy Strong, hat das Dilemma seines Hauses einmal wunderbar beschrieben: Man frage sich ja, was „diese widersprüchlichen, wenn auch großartigen Sammlungen“ miteinander verbinde. „Und die Antwort ist: Es gibt keine Verbindung. Das Museum ist eine extrem aufnahmefähige Handtasche.“

Nun also in deren europäische Ecke. Gleich links nach dem Haupteingang geht es einige Stufen hinunter, und man sieht sich der großartigen Statue des Neptun von Gian Lorenzo Bernini (1598-1680) gegenüber. Daneben die erotisch-fromme Skulptur des Meisters für das Grabmal der heiligen Ludovica Albertoni: Eine Hand liebkost die rechte Brust, der Kopf ist in barocker Ekstase zurückgeworfen.

Reichhaltig verzierter Sekretär

Weiter hinten steht ein reichhaltig verzierter Sekretär für Gallus Jacob, Finanzminister des Würzburger Fürstbischofs, aus der Werkstatt von Servatius Arend. In einem Geheimfach versteckt fanden Restaurateure eine in sorgfältiger Handschrift verfasste Notiz der Handwerker vom 22. Oktober 1716. Sie klagen über mangelnde Ernährung und bitten „Gott um die ewige Ruhe und Erlösung“ – vor 300 Jahren, als Krieg und Krankheit täglich den Tod bringen konnten, sicherlich keine einfach dahingesagte Phrase.

Je näher die Galerie dem napoleonischen Zeitalter kommt, desto mehr lösen französische Künstler und Handwerker ihre Kollegen aus den Niederlanden, Italien und Deutschland ab – Frankreich wurde zum ästhetischen Vorbild des auch damals schon grenzüberschreitend denkenden Adels und Bürgertums. An der Porzellanfigur Mutter Natur, 1794 gefertigt in der berühmten Manufaktur von Sèvres, saugen zwei Kinder so begierig wie andere europäische Eliten an den Brüsten Frankreichs.

Stundenlang könnte man in diesen Sälen verweilen, aber halt – wo bleiben die Verweise auf die intensive gegenseitige Befruchtung von Insel und Kontinent? Predigt nun auch das V & A den Gegensatz zwischen Großbritannien und dem Rest? Da winkt Direktor Martin Roth nur müde ab. „Das V & A war von Vornherein kosmopolitisch, Internationalität brauchen wir nicht zu predigen. Ich kenne kein moderneres Haus.“

In gewisser Hinsicht stellt der Kulturwissenschaftler, 60, den lebenden Beweis dafür dar, dass die Briten Talent vom Kontinent gern aufsaugen und sich zunutze machen. Die Nationalgalerei leitet seit vergangenem Jahr ein Londoner mit Migrationshintergrund und dem schönen Namen Gabriele Finaldi. Das British Museum leitet vom Frühjahr an der polyglotte Hamburger Hartwig Fischer. V & A-Boss Roth, der aus Dresden kam, bleibt unüberhörbar Stuttgarter und ist doch ganz selbstverständlich Europäer, wie die Briten, mit denen er umgeht. „Wir arbeiten hier im Team mit Dutzenden von Nationen. Auf den meisten Ebenen, ob Kultur oder Jobs oder sonstwas, sind die Menschen weiter als die Politik, was Europa angeht.“

Aber gehört das Politische nicht dazu, macht ihm die Volksabstimmung nicht Sorge? Roth zuckt fröhlich mit den Schultern und zitiert den sowjetischen Spion Rudolf Abel aus Stephen Spielbergs neuem Film: „Would it help?“ – würde es helfen, sich Sorgen zu machen über etwas, was man ohnehin nicht beeinflussen kann? Da arbeiten Roth und seine Leute lieber weiter, mit britischer Gelassenheit und europäischem Anspruch.

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