Es ist eine der großen Debatten der Museumskultur: Sollen Sammlungen dort ausgestellt werden, wo viele Menschen sich bewegen, also meist in den Zentren der großen Städte. Wo man wie in der Londoner National Gallery nach dem Lunch ein Stündchen Kunst, Kultur und Bildung einschieben kann. Oder sollen die Sammlungen weit gestreut gezeigt werden, so dass man sie mit Abstand zum Alltag genießen kann? Nur so, behaupten die seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts einflussreichen „Dezentralisten“ , könnten sie zivilisatorische Wirkung entfalten.
Vor einigen Jahren zwang der Berliner Senat trotzdem das Stadtmuseum, sich auf wenige Häuser im Zentrum zu konzentrieren. Vor zwei Jahren wollte Hamburg ruchlos das Altonaer Museums zugunsten einer Zentralisierung zerstören. Schleswig-Holstein ringt um den Bestand seiner kleinen Museen. Die neue Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern hat dem geplanten Greifswalder Caspar-David-Friedrich-Museum die Unterstützung entzogen. Am Donnerstag eröffnet das Berliner Museum Europäischer Kulturen (MEK) seine neue Ausstellung in Dahlem. Langfristig soll es aber umziehen: ins Kulturforum am Potsdamer Platz oder sogar ins Humboldt-Forum. Schon wird die Diskriminierung des Vororts beklagt. Galoppierender Zentralismus?
Sicher geht es bei solchen Debatten immer auch ums Geld. Doch wichtiger sollte uns die Frage nach dem bildungspolitischen Sinn von Museen sein. Genau mit diesem Problem rang schon um 1850 eine britische Parlamentskommission. Nach intensiver Recherche bei den europäischen Nachbarn empfahl sie zuletzt, trotz aller konservatorischer Bedenken, die National Gallery mitten in der Stadt und im Trubel zu bauen. Aus sozial- und bildungspolitischen Gründen nämlich. Auch Arbeiter sollten mit der Tube schnell ins Museum kommen.
Dezentralität ist eben kein kultureller Eigenwert. Spezialisteninstitutionen wie das Brücke-, das Zucker-, das Kolbe-Museum oder das Humboldt-Schloss werden die Besucher immer finden. Eine Verlagerung solcher Sammlungen ins Stadtzentrum würde ihr Besonderes zerstören. Ganz anders hingegen bei Universalsammlungen wie jenen des Ethnologischen oder des Museums für Europäische Kulturen. Deren Besonderes kommt nur dort zur Geltung, wo die Menschen viele Fragen gleichzeitig beantwortet haben wollen. Sie sind eher Lexika als Fachbücher, müssen schnell zur Hand sein. Die katastrophalen Dahlemer Besucherzahlen zeigen, dass das Lexikon Museum dort nicht benutzt wird. Es steht außer Reichweite. Deswegen sollten die Museen umziehen. Nicht, weil die Stadtmitte irgendwie repräsentativer ist.
Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen