Katrin Spittel nimmt gerne Selbstgedrehte. Sie sind etwas stabiler, und letztlich geht es auch ums Geld. Katrin Spittels Bedarf an Wattestäbchen muss enorm sein. Sie benutzt Zahnstocher, nur einseitig umwickelt. Einige stecken in einem Schaumstoffkissen an ihrem Arbeitsplatz. Zum Zeigen nimmt sie eins raus, der Gast darf hinfassen, "das benutze ich jetzt ohnehin nicht mehr". Bei der Gelegenheit fällt einem auf, wie sauber hier alles ist, nicht sauber, sondern rein. Eigentlich fällt einem das schon vorher auf. Auf der großen Arbeitsplatte liegt ein blütenweißes Tuch, an den Rändern mit hellblauen Sandsäckchen gesichert. Darunter wölbt sich was.
Das Wattestäbchen ist aber ziemlich klebrig. Rollt man damit über ein Objekt, bleibt der Staub hängen. Möglicherweise der Staub von Jahrhunderten. Wer den Staub von Jahrhunderten mit Wattestäbchen entfernen will, braucht eine ruhige Hand, viel Zeit, sehr viele Wattestäbchen.
"Being Object. Being Art. Meisterwerke aus den Sammlungen des Museums der Weltkulturen in Frankfurt am Main" heißt die Schau, die am 30. Oktober eröffnet wird und dann genau ein Jahr lang zu sehen sein soll. Erstmals stellt das Frankfurter Haus damit gezielt den künstlerischen Wert der unter ethnologischen Fragestellungen gesammelten Objekte in den Mittelpunkt.
Die Patenschaftsaktion "Mit 80 Paten um die Welt" soll die Restaurierungskosten für die Ausstellungsstücke decken. Informationen auf der Internetseite www.mdw-frankfurt.de
Katrin Spittel, 1979 in Erfurt geboren, weiß schon lange, dass sie genau diesen Beruf haben will. Für Kunst fühle sie sich nicht kreativ genug, sagt sie und absolvierte ihr Schulpraktikum darum bei Restauratoren. Die Gemälderestauratorin - "daran denkt man natürlich als erstes" - war gerade im Mutterschutz, also kam sie zum Textil. Nach dem Abitur machte sie drei Jahre Vorpraktika, auch wenn zwei gereicht hätten, um an der FH Köln Textilrestaurierung zu studieren. "Wir waren ein großer Jahrgang." Sechs Leute.
Beim Restaurieren, erklärt die Diplom-Textilrestauratorin, geht es aber gar nicht ums Restaurieren, sondern ums Konservieren. Wenn man ihr versehentlich vorschlägt, ob es nicht einfacher sei, diesen Faden dort abzuschneiden, zieht sie die Augenbrauen hoch. Nie wieder wird man einer Textilrestauratorin vorschlagen, einen Faden abzuschneiden. Ein Faden, den keiner braucht, wird angelegt. Eine Fehlstelle (andere sagen: Loch) wird unterlegt. Und sollten die Mitglieder des Krieger-Vereins Godesberg gehofft haben, der Brandfleck auf der Vereinsfahne werde hinterher nicht mehr zu sehen sein, so hätten sie geirrt. Aber Katrin Spittel konnte alle gefährdeten Bereiche sichern.
Danach: nur gut lagern, bitte
Wenn sie sich richtig erinnert, waren die Godesberger vernünftige Leute. Es gibt Vereine, die möchten eine restaurierte Fahne anschließend wieder schwenken. "Können Sie machen", sagt sie, und die Augen werden diesmal schmal, "und dann schwenken Sie ein paar Mal und dann fängt es noch an zu regnen, und das war´s dann." Eine Textilrestauratorin hält den Verfall auf und sorgt dafür, dass ein anschließend gut gelagerter Gegenstand möglichst lange ansprechend aussieht. Sie ist nicht dafür zuständig, dass er wieder benutzt werden kann. Die Kirchen, sagt sie, das sei immer ein Problem: Nur zu gern wollen die Pfarrer die edlen Gewänder auch im Gottesdienst tragen.
Seit viereinhalb Jahren ist Katrin Spittel im Beruf. Inzwischen lehrt sie selbst an der FH. Restaurierungsaufträge erledigt sie in ihrer Wohnung in Köln-Zollstock. Die Auftraggeber sind Museen, Kirchen, Privatleute, es geht um Summen zwischen "niedrig" und vierstellig. Die Restauratorin dokumentiert das Objekt, macht Vorschläge und einen Kostenvoranschlag.
Beim Betrachten der Fotografie-Massen, die jeden Arbeitsschritt festhalten, begegnet man auch dem blauen Kleidchen der Prozessionsfigur, wie es in einer Waschwanne liegt. Nach der Geschichte mit den Wattestäbchen wirkt das geradezu riskant. In der Tat: "Eine Waschaktion ist immer stressig." Wenn es aber nicht anders geht, kommt Waschmittel ins Spiel, aber natürlich kein Ariel, und wenn es nicht anders geht, kommt auch Kleber ins Spiel, aber natürlich kein Uhu. Ein Eingriff sollte rückgängig gemacht werden können. Darum die Scheu, zu früh zum Kleber zu greifen. Wenn Katrin Spittel das beschreibt, klingt es wie eine geduldige Pirsch auf die richtige Lösung: Vom Wattestäbchen zum Sauger, natürlich keinem üblichen Staubsauger. Vom Nähen über das Unterlegen mit "nähtechnischer Sicherung" bis zum Unterlegen mit Kleber.
Zum Nähen benutzt sie Augen- und Gefäßnadeln. Nachdem man die erste Übelkeit überwunden hat, bleibt ein Rätsel, wie man da das Fadenloch finden soll, aber keines, warum die Nadeln stark gebogen sind. Weder Augen noch mürbe Stoffe sollten beim Nähen angehoben werden. Zum Feststecken nimmt sie Insektennadeln für sehr kleine Insekten. Zum Unterlegen verwendet sie eingefärbte Crepeline, zart, leicht. Die Restauratorin erinnert sich an eine Kundin, die enttäuscht war, dass sie synthetische Farben benutzte. Nach Tests habe sie die Dame umstimmen können. "Mit Naturfarben bekommen Sie das nie hin."
Würde Katrin Spittel auch einmal eine fehlende Kleinigkeit hinzusticken, um der Optik willen? Nein, das würde sie nicht, um es einmal gelinde auszudrücken.
Neben Fahnen, Kostümen oder Kirchentextilien kommen Museumsobjekte auf ihren Tisch, häufig Objekte aus dem Museum für Weltkulturen in Frankfurt. Dadurch haben wir uns kennengelernt. Der Kontakt zu den Frankfurtern besteht schon lange, sie mag diese Aufträge, immer wieder etwas völlig anderes, ein anderer Kontinent, eine andere Kultur, eine andere Technik.
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