Als der Münchner Sammler Adolf Graf von Schack 1862 einmal eine Ansicht von Palermo bestellte, übermittelte er dem Maler Carl Morgenstern (1811-1893) recht genaue Vorstellungen des Bildes: „Ich wünsche, dass Sie dasselbe ungefähr in dem Colorit von Tassos Haus (einer vorangegangenen Morgenstern-Arbeit) halten mögen – bei Sonnenuntergang, nicht bei voller Tagesbeleuchtung; ich wünsche tiefe, satte Farben, dunkles Blau des Meeres und starken Wellenschlag ... .“
Nun mag das manchem auch heutigen Auftraggeber selbstverständlich vorkommen, so ist das Geschäft, wird er vielleicht sagen. Das 19. Jahrhundert indes hatte gerade erst den freien Künstler hervorgebracht, um nicht vom Genie zu sprechen. Dass Carl Morgenstern die Anweisungen nicht nur klaglos entgegennahm, sondern auch verlegen schwieg, als der Graf (eigentlich ein begeisterter Morgenstern-Käufer) ausgerechnet dieses Werk zurückgab, fällt insofern ins Auge.
Zwischen den Zeiten
Und ist ein sinniger Beleg für das, was die Retrospektive zu Morgensterns 200. Geburtstag im Frankfurter Museum Giersch zeigen möchte: Einen Künstler, der zwischen den Zeiten hängen blieb, zu spät geboren (oder aus heutiger Sicht wieder: viel zu früh), um noch unbefangen der Dienstleister zu sein wie sein Vater, sein Großvater und sein Urgroßvater. Aber doch nicht alt und auch nicht dumm genug, um die Welt um sich herum ignorieren zu können. In Paris sah er Bilder von Gustave Courbet – wie aus einer anderen Welt, aus einer anderen Zeit, aber nur acht Jahre jünger als Morgenstern – und kritisierte sie scharf, erfährt man. Zugleich reagierte er unsicher auf den Impressionismus, die freie Manier, die auch sein eigener Sohn vertrat – trotz seiner väterlichen Ermahnungen.
Ihm selbst malte Johann Friedrich Morgenstern, das Talent Carls durchaus anerkennend, dennoch ins Bild, wenn ihm etwas nicht gefiel. Die wie immer zusätzlich informative Beschilderung in der Ausstellung macht darauf aufmerksam: Hier sollte die väterliche Verschattung eines Bildteils die Wirkung steigern, dort fügte er zusätzliche Lichteffekte ein. Es gibt offenbar keinen Beleg dafür – obwohl Teile der Morgenstern-Korrespondenz vorhanden und gesichtet sind –, dass sich der Sohn je zur Wehr setzte. Das ernste Selbstporträt des 16-Jährigen, mit streng zurückgezogenem Ausdruck und leicht spitziger Nase, spricht Bände für den, der sich eine problematische Jugend vorstellen möchte.
Bilder voller Licht und Luftigkeit
So wird man sich das Leben des erfolgreichsten Mitglieds der Frankfurter Maler-Dynastie zugleich als das heikle Dasein eines Zweiflers denken müssen. Das allerdings nicht zum Schaden des Betrachters seiner Bilder, deren Licht und Luftigkeit, deren Akkuratesse und guter Geschmack den Museumsbesuch zum, ja, hier muss man das wohl sagen, Augenschmaus macht. Die chronologische Hängung offenbart, wie er in Italien die Beleuchtungsverhältnisse entdeckt, die sein Malen völlig verändern, der Sonne entgegenschieben und die Basis für seinen Erfolg sind. Da spiegeln sich dann Venedigs Paläste doch impressionistisch im Kanal: Bei aller Traditionsverhaftung ist Morgenstern ein Maler der unmittelbaren und insofern selbstverständlich subjektiven Anschauung.
Die Ausstellung „Carl Morgenstern und die Landschaftsmalerei seiner Zeit“ ist bis 29. Januar 2012 im Frankfurter Museum Giersch zu sehen. Der Katalog mit zahlreichen Aufsätzen ist im Michael Imhof Verlag erschienen, 296 Seiten, 24 Euro.
Zum Rahmenprogramm gehören neben den üblichen Führungen auch Angebote für Kinder sowie für Blinde und Sehbehinderte. Eine besondere „Kombiführung“ bezieht außerdem die Gemäldegalerie im Frankfurter Goethe-Museum mit ein.
www.museum-giersch.de
Auch seiner Produktivität tat das mangelnde Selbstbewusstsein keinen Abbruch, im Gegenteil: Mancher wird das kennen, die Flucht nach vorne gegen das Hadern. Dass er Angst vor dem nachlassenden Erfolg hatte – auch als davon noch keine Rede sein konnte –, beflügelte ihn zusätzlich. Warnungen des Vaters, ein Motiv nicht zu häufig zu wiederholen, schoss er in den Wind und trug damit auch dem Bedarf eines gewachsenen Kunstmarktes Rechnung. Mehr als 500 Ölgemälde Carl Morgensterns soll es geben, das Werk – vieles davon in Privatbesitz – sei aber kaum zu ermessen, so Birgit Sander vom Museum Giersch, die die Ausstellung zusammen mit Christian Ring und Sophia Dietrich kuratiert hat. Zu sehen sind 74 Arbeiten in Öl, dazu etliche Skizzenbücher und Papierzeichnungen.
Attraktive touristische Motive
29 weitere Gemälde zeigen Werke von Kollegen, was interessante Vergleiche ermöglicht. Denn Morgenstern, der weit davon entfernt war, originell sein zu wollen, suchte attraktive touristische Motive aus und malte darum nicht selten an denselben Orten wie andere italienreisende Maler. Nun wirkt Ernst Fries’ „Bildstock bei Subiaco“ reichlich fromm, wenn man daneben Morgensterns nüchtern unbevölkertes Landschaftsbild anschaut.
Überhaupt geht Morgenstern sparsam mit Staffage um (setzt sie aber selbstredend ein, wenn der Auftraggeber es will). Er möchte im Prinzip nichts zeigen – schon gar nichts erzählen – als ein Bild dieses wunderschönen Ortes zu einer bestimmten Tages- und Jahreszeit. Gerne so, dass es zur Tapete des Besitzers passt. Ein Mann, der nicht hinter seinem Bild verschwinden will, sondern hinter seinem Bild verschwindet.
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