Wer nach Israel reist, den begrüßen Landeskundige gern mit einem Bonmot: Man werde viele Eindrücke sammeln, unglaublich viel Neues erfahren über dieses Land, aber am Ende mit noch mehr Fragen nach Hause fahren. Israel ist ein kompliziertes Land, undurchschaubar bisweilen, und das ist noch eine Untertreibung.
Von diesen Konflikten und Verwirrungen kann man in den Zeitungen lesen, man erkennt sie auf den Straßen von Jerusalem - und man kann sie hören. Am deutlichsten auf "Puerto Rican Nights", dem neuen Album von Boom Pam.
Das Quartett aus Tel Aviv begann als Hochzeitskapelle, hat sich dank dieser Ochsentour einen legendären Ruf als Live-Band erspielt und führt seitdem musikalisch zusammen, was sich in ihrer Heimat gesellschaftlich nicht zusammenfügen will. Ihre bei unzähligen Auftritten gestählte Selbstsicherheit macht es der Band möglich, ein sagenhaft breit gefächertes Repertoire verschiedener Stile zu verschmelzen. In den Stücken von "Puerto Rican Nights", ausschließlich Coverversionen von Songs, die das Quartett schon seit Jahren auf die Bühne bringt, trifft Okzident auf Orient, arabische Harmonien auf griechische Folklore und eine bayerisch anmutende Tuba, russische Sentimentalität auf kalifornische Surf-Gitarren, afrikanische Melodik auf klassische Komponisten und eleganten Jazz. Mitunter ist sogar knarzender Rock im Angebot, und auch Rockabilly aus den fünfziger Jahren ist eine unüberhörbare Leidenschaft der vier Musiker. Das Quartett sucht die Nahtstellen auf, die der angeblich tobende Kampf der Kulturen geöffnet hat. Selbst die Melancholie des Klezmer findet man auf diesem zweiten Album der Band. Bislang hatten Boom Pam ausgerechnet diese Musik, die wie keine andere für das jüdische Erbe steht, demonstrativ ignoriert, weil sie den touristischen Blick auf ihr Land nicht bedienen wollten. "Postpostpostpostpostmodern", nennt das Gitarrist Uri Brauner Kinrot.
Dass sie in diesem Potpourri nicht auf Elektronik setzen und auch die in Israel vibrierende Club-Kultur links liegen lassen, ändert nichts daran, dass Boom Pam den kulturellen Schmelztiegel Israel, vor allem das Leben ihrer Heimatstadt Tel Aviv in Töne zu fassen verstehen wie keine andere Band aus dem jüdischen Staat. Und so sehr Boom Pam aus der Vergangenheit schöpfen, so deutlich ist doch auch das moderne, nach Westen orientierte Land heraus zu zuhören - auch weil das Klangbild die Verwirrung abbildet, die Israel auszeichnet.
Man kann darüber streiten, ob Sound überhaupt politisch sein kann. Wenn dem so ist, dann darf man die Instrumentals von Boom Pam auf jeden Fall als politische Aussage verstehen. Auch wenn die Band im Gespräch solche Interpretationen nicht bestätigen mag. Ihr Stilmischmasch sei einer ganz natürlichen Genese geschuldet: Für Gitarrist Kinrot funktionieren Boom Pam wie ein Matze-Klößchen, das in einem Teller Suppe schwimmt: Das Klößchen nimmt unweigerlich den Geschmack der Suppe an.
Die Eltern der vier Musiker stammen aus Russland, Rumänien, Usbekistan, Deutschland, aus der Tschechoslowakei, Italien und der Ukraine. Aber ihre Musik berücksichtigt nicht nur dieses multikulturelle Erbe des Landes. Sie spiegelt sie geradezu, indem sie Spurenelemente traditioneller Musik, osteuropäische Melodien und arabische Harmonien ohne Unterschied benutzt. So demonstrieren Boom Pam zwar exakt die Sorte Geschichtsbewusstsein, die man von einer israelischen Band erwarten darf. Sie schlagen immer wieder die Brücke zwischen Folklore und Pop, zwischen Ost und West, zwischen Tradition und Moderne. Trotzdem weigern sich Boom Pam weiterhin erfolgreich, den Klischees zu genügen, die die Weltmusik-Gemeinde im Zusammenhang mit Israel pflegt.
Im Gegenzug bietet das Quartett den Soundtrack für eine Reise durch das moderne, das gegenwärtige Israel, das komplizierteste Land der Welt.
Boom Pam: "Puerto Rican Nights"
(Essay Recordings/ Indigo)
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