Klappern gehört zum Handwerk. Vor allem, wenn das Handwerk Pop heißt, und erst recht, wenn es in Großbritannien ausgeübt wird. Also hat Ricky Wilson, Sänger der Kaiser Chiefs, sich das Massenblatt The Sun ausgesucht, um zu verkünden: "Oasis sind doch in ihrem eigenen Arsch verschwunden." Stattdessen hätte seine Band die Nachfolge auf dem Britpop-Thron übernommen.
Eine solche Institution anzugreifen, hatte die zu erwartenden Folgen. Ein betrunkener Oasis-Boss Noel Gallagher verglich die Kaiser Chiefs mit der Sixties-Popband-Karikatur Monkees, und alle zusammen bekamen die Publicity, um die Verkäufe ihrer neuen Alben zu fördern.
Kaiser Chiefs: "Off With Their Heads" (Polydor/ Universal)
Little Man Tate: "Nothing Worth Having Comes Easy" (Yellow Van/ Skint/ Alive)
Das war für die Kaiser Chiefs auch nötig. Nach dem grandiosen Debütalbum "Employment" (2005) schoss der Nachfolger "Yours Truly, Angry Mob" zwar im vergangenen Jahr an die Chartsspitze in England, enttäuschte dann aber durch eher müde Weiterführung des Erfolgsrezepts, einen demonstrativen Arbeiterklassenstolz in möglichst mitgröhltaugliche Refrains zu übersetzen.
Von dem gehen die Kaiser Chiefs auch auf ihrem dritten Album "Off With Their Heads" nicht grundsätzlich ab. Immer noch halten sie das Tempo hoch und servieren dem Briten ein paar Melodien, die er problemlos auch zur letzten Runde Bier im Pub noch mitsingen kann.
Allerdings verzichten sie weitgehend auf Anleihen an Northern Soul, die sie schon mit "Yours Truly, Angry Mob" totgeritten hatten. Stattdessen suchen sie nach Auswegen. Und finden sie unter der Anleitung des Produzenten Mark Ronson, der durch die Betreuung von Amy Winehouse und Lilly Allen in der Musikindustrie mittlerweile als Midas gilt, in der vorsichtigen Diversifizierung der musikalischen Möglichkeiten.
Mal trödelt nun eine leicht psychedelisierte Orgel durchs Bild, mal klopfen afrikanisch gemeinte Percussions an. Die goldenen Zeiten des Glamrock werden ebenso zitiert wie New Wave oder der aktuell grassierende Elektro-Punk. Fürs Arrangieren der Streicher hat man den James-Bond-Komponisten David Arnold gewonnen, für Gastauftritte Lilly Allen und den Rapper Sway. Ricky Wilson verkündete, sogar Einflüsse des Electric Light Orchestra seien vorhanden, was aber zum Glück nicht für alle Beteiligten bestätigt werden kann.
So taugt "Off With Their Heads" für den gelungenen Auftritt im Pub, wie er im Videoclip zur aktuellen Single "Never Miss A Beat" wieder einmal beschworen wird, nur bedingt und bisweilen. Vor allem aber eröffnet das Album der Band neue Perspektiven, die darüber hinaus gehen, den Rest der Karriere damit zu verbringen, sich mit Oasis zu streiten, wer denn nun besser eine Kneipe zum Schunkeln bringt.
Für diese klassische, nachgerade staatstragende Aufgabe ist man mit Little Man Tate ohnehin eindeutig besser bedient: Denen gelingt die möglichst partytaugliche Umsetzung des typisch englischen Kitchen-Sink-Realismus auch auf ihrem zweiten Album "Nothing Worth Having Comes Easy" wieder einmal perfekt.
Dazu verzichtet die Band aus der Stahlstadt Sheffield konsequent auf jede Weiterentwicklung, sondern beschränkt sich darauf, die ansteckende Euphorie ihres Debütalbums "About What We Know" zu reproduzieren. Das gelingt überraschend gut, auch weil irgendwelche musikalischen Ambitionen erst gar nicht im Weg stehen und fast ausschließlich die spartanische Besetzung aus Gitarre, Bass und Schlagzeug bemüht wird.
Vor allem aber: Egal, ob es um die vom Geldverdienen bestimmte Alltagsmühle geht oder um das Mädchen, das aussieht wie Audrey Hepburn, einen Little-Man-Tate-Song muss man nur einmal hören, um sofort in den Refrain einstimmen zu können.
Aber so eingängig und gut gelaunt die Songs auch wirken mögen, immer noch nehmen sie überzeugend die Haltung eines Arbeiterkindes ein, das mühsam die Balance sucht zwischen Samstagabend-Sause und Malocherwoche. Und während The Sun dokumentiert, wie Ober-Kaiser-Chief Ricky Wilson mit gut aussehenden Kolleginnen von den Spice Girls und Sugababes durch die Londoner Clubs zieht, gerät Little-Man-Tate-Sänger Jon Windle weniger glamourös in die Schlagzeilen: Als Teilnehmer an einer ganz profanen Kneipenschlägerei.
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