Es waren einmal vier Schotten, eher unscheinbare Menschen, deren nuscheliges Englisch man kaum verstand. Aber weil Francis Healy so unglaublich traurig dahersang und seine Mitstreiter dazu so wundervoll harmlose Popmusik schrammelten, wollte die ganze Welt die vier Schotten, die sich Travis nannten, in den Arm nehmen und knuddeln und trösten und aus lauter Mitleid ihre Platten kaufen.
Zwölf Jahre Bandgeschichte, fünf Alben, mehrere Millionen Pfund Umsatz und öffentliches Lob von Elton John und Paul McCartney später sind Travis immer noch dieselben vier eher unscheinbaren Schotten. Fast jedenfalls. Auch auf dem sechsten Werk, das den Titel "Ode To J. Smith" trägt, finden sich Songs, die dem bisherigen Schema entsprechen. Balladen wie "Broken Mirror" oder "Friends", mit sehnsuchtsvollen Melodiebögen, reichlich Schmelz in der Stimme und dem festen Glauben an das Gute im Wohlklang.
Ansonsten aber lassen Travis die Gitarren so richtig losrocken, hin und wieder auch wie einen getretenen Hund aufheulen. Sie weisen Schlagzeuger Neil Primrose an, mal etwas kräftiger zuzuschlagen, und ziehen das Tempo an, wenn auch nicht allzu sehr. Sie wagen vorsichtige Experimente mit Elementen aus dem Rap, integrieren ein paar seltsame Geräusche und versuchen die Melodien zur Abwechslung ein bisschen euphorischer zu singen.
In der Popbranche nennt man so etwas gewöhnlich: Sich neu erfinden. Die technischen Umstände dieser Verwandlung sind schnell erzählt. Statt wie sonst sich Jahre Zeit zu nehmen für ein Album, wurde "Ode To J. Smith" in drei Monaten geschrieben und in 14 Tagen eingespielt. Außerdem kaufte sich Healy einen altmodischen Vox-Verstärker und komponierte die Songs erstmals auf der elektrischen Gitarre. Im Studio beschränkte man sich auf nur 16 Spuren und analoge Aufnahmetechnik.
Es war auf jeden Fall ein geplanter Abschied vom weichgespülten Sound, dessen die Band selbst müde geworden war. Allerdings: Der Sturm und Drang, den Travis nun mit Mitte dreißig entdecken, wirkt erstens verspätet. Und zweitens schaumgebremst. Im Vergleich zu den Gitarrengewittern, die geschickte Produzenten heutzutage mit digitaler Technik erzeugen können, wirkt das Saurauslassen von Healy und seinen Kollegen zwar sympathisch handgemacht, aber immer noch arg verhalten. Ungefähr so, als würde der Freund, der immer viel zu nett war, endlich nicht mehr nett sein wollen. Richtig böse kann er aber nicht, sondern wirkt tollpatschig und muss sich dafür auch noch ohne Unterlass entschuldigen.
Vor allem aber verzichten Travis mit der Umorientierung auf ihr Alleinstellungsmerkmal. Denn zwischen dem penetranten Pathos von Coldplay und der ungebrochen jammernden Nabelschau von Keane besetzten sie mit ihrer leicht ironischen, nichtsdestotrotz aber epischen Dosis Melancholie jahrelang eine lukrative Nische. Neuerdings recken sie die Nase aus dieser Nische und melden schüchtern an, endlich eine ganz normale Rockband sein zu wollen. So wirkt "Ode To J. Smith" zwar wie aus der Zeit gefallen, aber entwickelt nicht das Potential zur Zeitlosigkeit. Ein Dilemma, für das man sie am liebsten wieder in den Arm nehmen möchte.
Travis: Ode To J. Smith. Vertigo/Universal.
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