kalaydo.de Anzeigen

Musikstandort Berlin: Wir führen Klubs, keine Bordelle

Eine Kampagne fordert den Berliner Senat auf, die Popkultur in der Hauptstadt jährlich mit 10 Millionen Euro zu subventionieren. Doch das Förderkonzept spaltet die Szene.

Weltberühmt ist die Berliner Klubszene, und oft existenziell bedroht.
Weltberühmt ist die Berliner Klubszene, und oft existenziell bedroht.
Foto: Berliner Zeitung/Benjamin Pritzkuleit
Berlin –  

Die Kampagne klingt weltfremd und ein bisschen gaga: Der Berliner Senat wird aufgefordert, die Popkultur mit der Hochkultur gleichzusetzen und den Musikstandort Berlin jedes Jahr mit 10 Millionen Euro zu subventionieren. Gemeint ist nicht der Musikstandort allgemein – eine Oper verbraucht das Vierfache –, sondern der Popmusikstandort mit seinen Klubs, Labels, Veranstaltern und Verlagen.

Warum 10 Millionen? Einfach, weil die Musikbranche in Berlin eine Milliarde Umsatz macht und geschätzte 100 Millionen Euro Steuern zahlt. Da betrachtet sie es nur als recht und billig, wenn zehn Prozent davon in die Branche zurückfließen. Die ist in den letzten Jahren explodiert, prägt das Berlin-Image und soll sich schließlich weiter entwickeln. Die Forderungen aus der Szene sind vom Mai und keiner hat davon Notiz genommen. Da wollen Leute Geld vom Staat – na und, wer nicht?

Es geht ums geld

Musik 2020 Berlin heißt die Initiative von 400 Akteuren die Künstler, Labels, Klubs, Verlage vertreten. Ihr Ziel: den Musik-Standort Berlin entwickeln. Dafür wollen sie 10 Millionen Euro Fördergeld.
Vertreter des Jazz und der zeitgenössischen Musik fürchten jetzt um ihre Fördertöpfe, verlangen eine Abgrenzung zum Pop und für sich mehr Geld.
Insgesamt fließen von den 370 Millionen Euro Kultursubventionen in Berlin gerade 300.000 Euro in den Pop (davon 120 000 Euro in den Jazz) und 675.000 in die E-Musik der freien Szene (Zahlen: Senat).

Wand der Ablehnung

Seit aber CDU und SPD ein Förderkonzept für die Musikszene in ihre Koalitionsverhandlungen aufgenommen haben, das auf dieses Papier zurückgeht, rasselt es Proteste. Nicht von Sinfonie-Orchestern oder Opern, denen wäre öffentlicher Streit um so kleines Geld fremd. Aber die Jazzer sehen ihre Fördermittel in Gefahr. Der Verein zeitgenössischer Musiker (inm) schreibt an den Kultursenator, stellt eine Petition ins Internet und fordert mehr Geld für die eigene Klientel.

Katja Lucker gehört zu den Ideengebern des Musikboards und ist einigermaßen fassungslos über diese plötzliche Wand der Ablehnung. Denn das Projekt steckt ja noch in der Planung. Katja Lucker, 42, Kulturmanagerin, kennt die Musikszene. Sie war Schauspielerin, kuratierte bundesweit Festivals, organisierte Konzerte, ist Mitbegründerin der Berlin Music Commission, arbeitete mit Musikern von Fettes Brot bis Karlheinz Stockhausen. Wochenlang hat sie über Konzepten gebrütet, wie die internationale Berliner Musikszene aus ihrer Vereinzelung gelöst und lokal vernetzt werden kann.

Das Papier „Musik 2020 Berlin“ vom Mai übertrifft mit seinem Funktionärsdeutsch („strukturpolitische Maßnahmen, politischer Kurswechsel, Neubewertung von Segmenten“) noch jede gruselige Verlautbarung. Heute ist es handlicher und knapp formuliert. Von Gleichsetzung des Pop mit der Hochkultur würde Katja Lucker ohnehin nicht reden, aber ein paar einfache Fragen müssten schon gestellt werden: „Wieso ist es eine Selbstverständlichkeit, 250 Millionen Euro im Jahr für die Berliner Bühnen auszugeben, aber die Klubs zu den Vergnügungsstätten zu zählen wie Bordelle? Der Pop erfährt genauso eine intellektuelle Auseinandersetzung.“

Kein Zustand für die Ewigkeit

Einfache Antworten, dass Opern ohne öffentliches Geld längst mausetot wären, die Popkultur es aber auch ohne Geld zu schillernden Blüten schafft, lässt Katja Lucker nicht gelten. Sie verweist darauf, dass die Pop-Avantgarde genauso Förderung braucht wie die freie Oper und der Arthaus Film. Aber ist es nicht ein Widerspruch, stolz die eine Milliarde Wirtschaftskraft ins Feld zu führen und genau dafür Subventionen zu verlangen? War es nicht einmal so gedacht, dass der Gutverdiener etwas abgibt, und mit seinen Steuern für das Wohl der Gemeinschaft sorgt?

„Vermengen Sie nicht Umsatz und Gewinn“, sagt Katja Lucker, „was in der Musikszene verdient wird, weiß kein Mensch. Berlin wird gestürmt von Kreativen, aber die wenigsten machen richtig Geld. Sie haben keine Gewerkschaft. Sie bringen Leidenschaft ein und schweigen über ihre Selbstausbeutung, aber das kann kein Zustand für die Ewigkeit sein. Den Spruch ,arm aber sexy’ kann keiner mehr hören. Ja, und wenn mal was gelingt, wenn einer was aufbaut, eine Brache kultiviert wie die Leute von der Bar 25 und der Maria, dann machen sich am Ende Investoren über die Grundstücke her und die Klubs, weltberühmt, müssen weg. Von der Gemeinschaft kommt kein Widerspruch, kein Schutz, kein Ausweichangebot, nichts. Nur der Spruch: Geht doch nach Marzahn.“

So ist die Situation, gegen die wollen sich die 400 Musikakteure zusammenschließen. Auch gegen Zugezogene, die ein schickes Apartment beziehen und dann den Klub nebenan verklagen. Zwar war der Klub vor ihnen da, aber die Neuen stört er. Nicht die Musik, die hört man nicht, lästig sind einfach diese Großstadtmenschen, die da nachts auf der Straße stehen und rauchen. So erlebt es gerade das Icon. Und einzelne Anwohner, die ihre Ruhe an 16 Abenden im Jahr für wenige Stunden gestört halten, können die Zitadelle und die Waldbühne zwingen, alle Konzerte um 22 Uhr zu beenden. So ist die Rechtslage – hat man je gehört, dass sich Berlin empört und der Musikszene juristischen Beistand leistet? Muss nicht ein Machtwort gesprochen werden, wenn sich Finanzbeamte ins Berghain schleichen und beurteilen, ob ein DJ Kunst macht oder nicht? Wenn sie den Klub wegen unkünstlerischen Auflegens zu ruinösen Mehrwertsteuernachzahlungen nötigen?

"Auch wir sind die Stadt"

„Gegen alle diese Zumutungen wollen wir uns wehren, und zwar künftig geschlossen. Wir brauchen Ansprechpartner in der Politik, wollen ernst genommen werden. Nicht die Deppen sein, denen man mit Auslagerung nach Marzahn drohen kann. Wir wollen Respekt und wir wollen mitreden, zum Beispiel über Flächennutzungspläne. Denn auch wir sind die Stadt, nicht nur die Großinvestoren“.

Darum geht es der Musikszene, dann erst um Geld. Vielleicht würden sie nicht gleich die ganzen 10 Millionen brauchen, sagt Katja Lucker, aber mit irgendeiner Zahl müsse man ja anfangen. Und das Musikboard wird gebraucht wie das Medienboard. Geld ist zwingend, um die Struktur herzustellen, um Probenräume und Auftritte für unbekannte Bands zu finanzieren, Spielstätten und Programme zu fördern, Risiken abzufedern, Kredite zu erhalten.

Katja Lucker sagt, niemand vom künftigen Musikboard habe daran gedacht, Förderstrukturen zu zerstören oder anderen etwas wegzunehmen. Aber kann man das nicht zusammen planen, mit dem Jazz, mit der Neuen Musik? Die Vertreter der Neuen Musik übrigens, die gegen die Pop-Initiative mobil machen, schlagen ein Probenhaus vor und Strukturförderungen. Kann so ein Haus vielleicht auch von zwei Sorten Musikern genutzt werden? Im Pfründe-Verteidigen sind selbst die groß, die gar keine haben. Jeder in der freien Szene ruft stets nach Neuem, nach einer besseren Struktur. Aber wehe, die kommt tatsächlich.

Autor:  Birgit Walter
Datum:  28 | 10 | 2011
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Theatertreffen 2012
Der Ausnahmefall: „Borkman“ an der Volksbühne.

Alles rund ums bedeutendste deutsche Theaterfestival, das Theatertreffen vom 4.-21. Mai 2012 in Berlin.

Anzeige

Film

Die Filmwoche: Was läuft wann in welchem Kino? Alle Neustarts, alle Filme, alle Kinos, alle Zeiten.

Medien
Das Fünf-Sterne-Hotel
Polen und Ukraine im TV 
Reinhard Mirmseker mit Manuela Wolf in der „Wernesgrüner Musikantenschenke“.
Korruption 
Twitter wird für den Erfolg von Kinofilmen immer wichtiger.
Soziale Netzwerke entscheiden über Kino-Erfolge 
Wie beliebt wir in den sozialen Netzwerken sind, hat immer mehr Auswirkungen auf das
Facebook, Twitter und Co. 
Theatertreffen

Video

Ressort

Kritiken und Nachrichten: Theater, Musik, Literatur, Film und Fernsehen


Oper
Ganz so schick wie bei den prominenten Vertretern unserer Spezies muss es dann doch nicht immer sein.

Hustenanfälle, Papierknistern, Opernglas ja oder nein - ein kleiner Ratgeber für den gelungenen Opernbesuch.

Quiz
Tatort-Logo

Seit 40 Jahren gibt's fast jeden Sonntag im Fernsehen Mord und Totschlag. Mit dem Tatort beweist das öffentlich-rechtliche Fernsehen immer wieder seine Leistungsfähigkeit. Was wissen Sie über die Krimi-Reihe? Testen Sie's!

Meistgeklickt
Sängerin Loreen holt mit Euphoria den ESC nach Schweden und siegt in Baku.
Eurovision Song Contest in Baku 
Harry Nutt
Leitartikel zum Eurovision Song Contest 
Ermittler der Spurensicherung der Polizei durchsuchen in Kiel ein ehemaliges Trafohaus auf dem Gelände einer Kfz-Werkstatt.
Einsatz gegen Rockerbande 
 
 
 
 
 
 
 
 
World Press Photo
Das beste Pressefoto 2012: Eine jemenitische Frau hält einen verwundeten Verwandten in ihren Armen.

Beeindruckende Aufnahmen: FR-online.de präsentiert interaktiv die Pressefotos des Jahres.

Anzeige

FR-Serie

Erleben wir tatsächlich Umbrüche oder dramatisieren wir nur? Auf diese Frage suchen Wissenschaftler und Intellektuelle Antworten.

ANZEIGE
- Informationen finden, um die Main Metropole Frankfurt entdecken und erleben zu können.
- Fragen & Antworten
- Bei HOH finden Sie Hardware, Computer und aktuelle Software zu günstigen Preisen.
- Kauftipps!
Quiz
Dezember 2006.

Thomas Gottschalk hat sich bei "Wetten, dass..." verabschiedet. Er bewegt die TV-Nation. Testen Sie Ihr Wissen.