Dieses Versäumnis aber hat bewirkt, dass sich eine eher verklärende Erinnerung der Kreuzfahrer bemächtigte, die über die dunklen Seiten ihrer Aktivitäten hinwegging. Sie fand und findet ihren Ausdruck mehr in historischen Romanen und Filmen als in der Fachliteratur und führt bis heute zu Erscheinungen wie den Abzeichen auf den Uniformen amerikanischer Soldaten im Irak mit dem Bild eines Kreuzfahrers im Kettenhemd und der Umschrift „pork eating crusader“. Die Bewunderung militärischer Leistungen, das Aushalten von Entbehrungen, der Kampf weniger gegen viele, das Vordringen ins Unbekannte – all das bot Stoff für Anknüpfungen, die gerade für Eliten oder solche, die sich dafür halten, verführerisch waren. Hier hat die Fachwissenschaft kein gutes Bild abgegeben und das Feld anderen Stiftern von Erinnerung überlassen, deren Früchte wir jetzt sehen.
Überdies ist die Verantwortung der Päpste für die legitimierenden Grundlagen der Gewaltanwendung und ihre Problematik nie herausgearbeitet worden. Die Reformpäpste des 11. Jahrhunderts hatten sich zwar zunächst einmal die Freiheit der Kirche vom Einfluss der Laien auf die Fahnen geschrieben. Sie waren es aber auch die, die Haltung des Christentums zur Gewalt nachhaltig veränderten. Sie taten dies mit Belegstellen aus dem Alten Testament, in denen Gott Vernichtungsaufträge gegen Völker gab, die ihn nicht kannten oder nicht verehrten. Und es ist im Hochmittelalter trotz intensiver Versuche nicht gelungen, die Päpste von dieser Linie durch Hinweise auf viele Stellen des Neuen Testaments abzubringen, die dem Christen Friedens-, Nächsten- und Feindesliebe zur vorrangigen Pflicht machten. Für das Töten im Dienste und Auftrag der Kirche stellten die Päpste vielmehr Belohnungen in Aussicht, die die Aufnahme in den Himmel ermöglichten.
Kirche legitimierte Gewalt
Diese Hinwendung der christlichen Kirche zur Legitimation und Anwendung von Gewalt im eigenen Interesse beschränkte sich nicht auf den Kampf gegen Ungläubige, sondern bezog Gewalt gegen ungehorsame Christen und Ketzer ein. Sie überschattete ein ganzes Zeitalter, das auch als Zeit der „päpstlichen Weltherrschaft“ deklariert wird, mit Ketzerkriegen, Inquisition, Folter – und mit immer wieder erneuerten Versuchen, die Herrschaft im Heiligen Land dauerhaft in christliche Hand zu bringen. Ausgelöst wurde die Hinwendung zur Gewalt durch neue päpstliche Herrschaftsansprüche: Man forderte Gehorsam von allen Menschen, Bischöfe, Könige und Kaiser eingeschlossen. Eine solche Forderung aber zog notwendig die Frage nach sich, wie man mit Ungehorsamen umgehen sollte.
Gewalt war eine absehbare Konsequenz dieser Neuerung. Dass es hierüber seit dem 11. Jahrhundert intensive Auseinandersetzungen gab, in denen sich zwei Ansätze der Auslegung der Tradition erbittert gegenüberstanden, ist gleichfalls allenfalls in der Fachwissenschaft bekannt, aber nicht Inhalt des kulturellen Gedächtnisses geworden. Sonst hätte die gewaltverherrlichende Erinnerung an die Templer wohl deutlich weniger Chancen auf Resonanz gehabt.
Hat sich die römisch-katholische Kirche im Besonderen wie die westliche Traditionskritik im Allgemeinen also genügend intensiv darum gekümmert, dieses problematische Erbe – die christliche Legitimation zur Tötung und Vernichtung Ungläubiger mittels religiöser Argumente – zu analysieren und abzulehnen? Oder hat man nicht vielmehr durch Untätigkeit Raum gelassen für eine Legitimierung und Heiligung von Gewalt in Kriegen, in denen Gott angeblich auf einer Seite stand, wie sie auch später immer wieder vorgenommen wurde? Diese Untätigkeit könnte nicht zuletzt auch für eine fundamentalistische Subkultur mitverantwortlich sein, die sich zum vermeintlichen Kampf der Kulturen aufrüstet mit Vorbildern aus Zeiten, in denen es diesen Kampf der Kulturen schon einmal gegeben hatte. Die Fachwissenschaft wie die christlichen Kirchen haben allen Grund, mit allen ihren Mitteln solcher Vereinnahmung entgegenzuwirken.
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