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30. Juni 2014

Nákladové nádraží Žižkov in Prag: Entspannen auf dem Güterwaggon

 Von 
Stadtstrand auf dem Güterwaggon: Der frühere Güterbahnhof Žižkov in Prag wird auch in diesem Sommer kulturell genutzt.  Foto: Daniel Kortschak

Mehr als zehn Jahre lang lag der ehemalige Güterbahnhof Prag-Žižkov brach. Im vergangenen Jahr in letzter Sekunde vor dem Abriss gerettet, bietet das Kleinod der funktionalistischen Architektur jetzt Raum für Ausstellungen, aber auch Platz für eine ziemlich einzigartige Freizeitoase mitten in der Stadt.

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Prag –  

Künstlich aufgeschüttete Stadtstrände sind schon seit einiger Zeit in Mode. Die Nutzung von urbanen Brachflächen als Stadtgarten erst recht. Nun ist dieser Trend auch in Prag angekommen. Doch der Ort, an dem in der tschechischen Hauptstadt knallgelbe Klappstühle zum Verweilen und frisch aufgeschüttete Erde zum Anpflanzen von Sommergemüse einladen, ist ein ganz spezieller.

Die Sonnenstühle stehen nämlich nicht etwa am Ufer der Moldau und die Gemüsebeete breiten sich nicht auf einer der zahlreichen Brachflächen am Stadtrand aus: Sowohl der Stadtstrand als auch der Urban Garden sind in Prag auf dem Gelände eines früheren Güterbahnhofs im pulsierenden Stadtteil Žižkov zu finden, wo ČD Cargo, die Güterverkehrstochter der staatlichen Tschechischen Bahnen, überzählige Waggons abstellt.

Zahlreiche dieser ungenützten Güterwagen haben nun die Macher des Landscape Festival in Beschlag genommen: Auf einigen von ihnen werden künstlerische Interventionen gezeigt, andere wurden mit Erde aufgefüllt. Dort sprießt nun inmitten von rostigem Stahl und bröckelnder Bausubstanz frisches Grün. Auf mehreren an einer ehemaligen Laderampe abgestellten Flachwagen haben die Betreiber der in der angrenzenden Lagerhalle untergebrachten Bar Sand aufgeschüttet; knallgelbe Klappstühle und selbstgezimmerte Holzmöbel laden zum Verweilen ein.

Die Gebäude des 1936 eröffneten Güterbahnhofs, damals weltweit das modernste Bauwerk seiner Art, schließen sich wie ein U um das Areal und schaffen in seinem Inneren eine Oase der Ruhe. Selbst dass auf dem Freigelände unmittelbar nebenan noch rege Container von der Schiene auf die Straße umgeladen werden und einige Firmen die Hallen noch als Lager benutzen, bekommt man kaum mit.

Dabei sollte auf dem 36 Hektar großen, nur 15 Minuten Straßenbahnfahrt vom Stadtzentrum entfernten Gelände eigentlich längst hektische Betriebsamkeit herrschen. Nach der endgültigen Schließung des Bahnhofs für den Güterverkehr im Jahr 2010 gründeten die Tschechischen Bahnen gemeinsam mit einem tschechischen Immobilienentwickler eine Verwertungsgesellschaft.

Deren auch vom zuständigen Stadtbezirk Prag 3 und der Prager Stadtregierung gebilligten Pläne sahen vor, das Gebäude abzureißen und auf dem Areal in bester Stadtlage Wohnungen, Büros und ein Einkaufszentrum zu errichten. Anstelle der früheren Gleisanlagen sollte eine vierspurige Ausfallstraße entstehen.

Doch gegen diese gigantomanischen Pläne regte sich bald heftiger Widerstand. Fachleute verwiesen auf die einzigartige Architektur des funktionalistischen Bahnhofskomplexes und Anwohner befürchteten eine Zunahme des Verkehrs und ein Explodieren der Immobilienpreise.

Um die Entstehung eines weiteren Retorten-Viertels mit gesichtslosen Bürobauten, Einheitswohnhäusern und einem überdimensionierten Einkaufszentrum zu verhindern, gründeten die Projektgegner die Bürgerinitiative "Tady není developerovo" ("Hier ist keine Developer-Welt"). Mehr als 5000 Bürger unterzeichneten eine Petition zur Rettung des Baudenkmals.

Seit 2013 unter Denkmalschutz

Nachdem das Kulturministerium einen ersten Antrag zur Unterschutzstellung ganze sieben Jahre lang unbearbeitet liegen gelassen hatte, beantragten Architekturhistoriker 2010 neuerlich die Erhebung des Güterbahnhofs Žižkov zum nationalen Kulturdenkmal. Trotz mehrerer Einsprüche des Eigentümers wurde das Ensemble schließlich Anfang 2013 tatsächlich unter Denkmalschutz gestellt.

Seither werden Konzepte zur weiteren Nutzung des großen Gebäudekomplexes mit seinen zahlreichen Warenhallen, Lagerkellern und den markanten stählernen Verbindungsbrücken mit ihren Aufzugstürmen erarbeitet. Zwar modifizierte der Immobilienentwickler seine Pläne mit Rücksicht auf den Denkmalschutz und schlug die Integration der historischen Substanz in sein Neubaukonzept vor. Doch damit geben sich die Freunde des Güterbahnhofs Žižkov nicht zufrieden: Sie fordern die Erhaltung der Gebäude in ihrem ursprünglichen Zustand und schlagen eine kulturelle Nutzung vor.

Zumindest für die Zwischenzeit bis zu einer endgültigen Entscheidung über das weitere Schicksal des Baus scheint dieses Vorhaben nun gelungen zu sein: Im vergangenen Jahr beherbergte der Nákladové nádraží Žižkov die Kunstschau Prague Biennale und die Designmesse Design Blok. Außerdem gaben die heruntergekommenen, aber nach wie vor voll funktionstüchtigen Bahnhofsanlagen mit ihrem morbiden Charme die perfekte Kulisse für ein Theaterstück ab.

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Das Ende Juni eröffnete Landscape Festival setzt sich im neuerdings kurz NNŽ gennannten und mit einem entsprechenden Logo versehenen früheren Güterbahnhof nun mit Fragen von Landschafts- und Stadtplanung auseinander. Studenten zahlreicher Hochschulen im In- und Ausland präsentieren ihre Projekte, die autokritische Prager Initiative "Auto Mat" stellt ihre Vision von einer verkehrsberuhigten Prager Innenstadt vor, die im Jahr 2025 deutlich mehr Platz für Straßenbahnen, Fußgänger und Radfahrer bieten soll.

Außerdem werden zahlreiche Beispiele für die erfolgreiche Umwandlung von früheren Industrie- und Verkehrsbauwerken in Stätten für Kultur und Erholung präsentiert. Darunter etwa der zum Freizeitareal aufgewertete ehemalige Militärflughafen in Frankfurt-Bonames, die Zeche Zollverein in Essen oder das frühere Kohlebergwerk C-Mine im belgischen Genk, das zu einem international beachteten Kulturzentrum umgestaltet wurde.

Auf dem NNŽ in Prag wirkt indes vieles noch improvisiert: Im Treppenabgang zu einem der Ausstellungsräume im weitläufigen Souterrain wurden Müll und Bauschutt nur notdürftig zur Seite geschafft, von den Säulen der früheren Lagerhalle, wo einst Getreide, Obst und Wein umgeschlagen wurden, blättert langsam die blassrosa Farbe. Auf dem Gelände rund um die ehemaligen Lagerhallen wuchert wildes Grün, der Straßenbelag ist aufgeplatzt. Im Gebüsch liegen neben den in Tschechien allgegenwärtigen Plastikflaschen und Bierdosen die Reste von Reklametafeln, die frühere Mieter bei ihrem Auszug zurückgelassen haben.

Matěj Stropnický, führendes Mitglied der Bürgerinitiative zur Rettung des Güterbahnhofs und seit 2012 grüner Vizebürgermeister des dritten Prager Stadtbezirks, ist dennoch zuversichtlich, dass auch aus dem NNŽ eines Tages ein bedeutendes Kulturzentrum wird: "Unser Ziel ist vor allem die Belebung des früheren Bahnhofsareals und die Schaffung eines Bewusstseins für das Revitalisierungsprojekt nicht nur bei den Pragern, sondern bei allen Menschen in Tschechien und im Ausland, um aus dem Objekt einen alternativen Raum für Kunst zu machen."

Langfristige kulturelle Nutzung

Seit die neue Koalition aus Konservativen, Sozialdemokraten und einem Bündnis von Grünen, Christdemokraten und Unabhängigen die Regierungsgeschäfte führt, hat sich der Stadtbezirk Prag 3 vom Befürworter des Abriss- und Neubauprojektes zum wichtigsten Fürsprecher für die Erhaltung des historischen Bahnhofsgebäudes gewandelt. Das Bezirksrathaus unterstützt die Kulturaktivitäten auf dem NNŽ finanziell und wirbt für die langfristige kulturelle Nutzung des Geländes.

"Wir wollen einen Teil der Gebäude für eine bestimmte Zeit von den Tschechischen Bahnen anmieten. Darüber verhandeln wir gerade. Danach wollen wir einen längerfristigen Plan zur Umwandlung der Gebäude zu kulturellen und Bildungszwecken erarbeiten, dessen Ziel die Entstehung einer öffentlichen Institution bestehend aus Ausstellungsräumen, offenen Werkstätten, Ateliers, Musikklubs, Kinosälen, ergänzt um Cafés und weitere Serviceeinrichtungen, ist", erläutert Vizebürgermeister Stropnický. Auch das Nationale Filmarchiv, das bereits seit einiger Zeit auf der Suche nach einer adäquaten Bleibe ist, könnte in einen Teil der früheren Lagerhallen einziehen.

Inzwischen sind auch die Tschechischen Bahnen und der Immobilienentwickler von einer rein kommerziellen Verwertung des früheren Bahnhofsgeländes abgerückt. Der neue Bahn-Generaldirektor Daniel Kurucz zeigt sich einer kulturellen Nutzung gegenüber aufgeschlossen, warnt allerdings vor administrativen Fallstricken. Die tschechische Regierung plant nämlich gerade einen neuen Anlauf zum Abschluss der seit 2003 laufenden umfassenden Bahnreform: Die Tschechischen Bahnen sollen die bis jetzt in ihrem Besitz verbliebenen Bahnhofsgebäude an den staatlichen Eisenbahn-Infrastrukturbetreiber SŽDC verkaufen. So, wie es bereits vor Jahren mit Schienen, Fahrleitungen und Bahnsteigen geschehen ist.

"Wir müssen das Problem eines eventuellen Eigentumsüberganges lösen. Wir wissen nicht, wer Eigentümer des Bahnhofs sein wird. Den werden wir erst in einigen Monaten kennen. Wir als Aktiengesellschaft müssen einen Weg finden, wie wir dieses Objekt zu einem angemessenen Preis einer anderen Organisation abtreten können, wie auch immer diese heißt. Wir haben dazu noch kein abschließendes Gutachten und suchen nach einer vernünftigen Lösung", so Kurucz.

Auch wenn die Eigentumsverhältnisse noch nicht endgültig geklärt sind, scheint das Projekt zur Erhaltung und Revitalisierung des ehemaligen Güterbahnhofs Žižkov auf einem guten Weg zu sein. Mitte April unterzeichneten Vertreter des Kulturministeriums, der Stadt Prag, des dritten Prager Stadtbezirks, der Tschechischen Bahnen und des Immobilienentwicklers ein Memorandum zur Umwidmung des Geländes für kulturelle Zwecke.

"Es handelt sich um einen einzigartigen Komplex funktionalistischer Bauten aus der Zeit der Ersten Republik, der besondere Pflege verdient. Wir gehen mit dem internationalen Trend der Umwandlung von Industriearealen in kulturelle Einrichtungen, damit sie ein neues Leben eingehaucht bekommen und eine alternative, aber ähnlich wichtige Funktion erfüllen können wie jene, derentwegen sie ursprünglich errichtet wurden", betont der tschechische Kulturminister Daniel Herman.

Der jahrelange Kampf engagierter Bürger gegen den Abriss eines bedeutenden Kulturdenkmals scheint diesmal also tatsächlich erfolgreich zu sein. Doch nur wenige Meter neben dem historischen Bahnhofsgebäude läuft der Kampf von Anwohnern und Politikern gegen ein Immobilienprojekt mit unverminderter Härte weiter.

Auf dem Freigelände des Bahnhofs, das die Tschechischen Bahnen bereits vor Jahren an ein internationales Immobilienunternehmen verkauft haben, soll ein großes Einkaufszentrum entstehen. Ein "Monsterkomplex", der den NNŽ durch seine Masse regelrecht zu erdrücken drohe und der weiteren Autoverkehr in den zentrumsnahem Stadtteil locken werde, warnen die Kritiker des Vorhabens, die auch daran zweifeln, ob Prag noch ein weiteres Riesen-Einkaufszentrum braucht. Der Stadtbezirk Prag 3 lehnt das Projekt ebenfalls ab und hat in der Bauverhandlung seine Einwände formuliert.

Dennoch hat die Prager Stadtverwaltung Ende 2013 die Bewilligungen zum Bau des Einkaufszentrums erteilt. Gegen die entsprechenden Bescheide hat der dritte Stadtbezirk nun Klage beim Verwaltungsgericht erhoben.

Eine Entscheidung steht zwar noch aus, doch das Projekt liegt nun erstmal auf Eis: Die Klage hat aufschiebende Wirkung. Außerdem werden derzeit auf dem Gelände, wo das Einkaufszentrum emporwachsen soll, immer noch täglich Dutzende Container verladen, die per Bahn von den großen Seehäfen kommen und auf der Straße weiterverteilt werden. Bis das geplante neue Container-Umschlagzentrum in Prag-Malešice in Betrieb geht, bleibt noch genügend Zeit, um weiter über die Bebauung des Geländes in Žižkov zu debattieren.

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