Die Musiker haben gerade angesetzt, da unterbricht sie der Dirigent. Leiser, bitte. Die Musiker beginnen erneut sehr leise, kaum noch hörbar, zu spielen. Wieder sagt der Dirigent: Leiser, bitte. Das Ganze wiederholt sich noch mehrfach. Die Stimme des Dirigenten wird schärfer, bis es endlich aus ihm herausbricht. Verstehen Sie denn nicht: Leiser! So leise, dass man es nicht hören kann.
Eine Szene aus Gert Jonkes Film über Anton von Webern. Witzig, aber auch weit mehr. Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht mehr, ob Jonke, den ich früher gelegentlich traf und immer bewundert habe, mir die Geschichte erzählt hat oder ob ich sie in dem Film tatsächlich gesehen habe. Es war sein Anspruch: aufs Absolute.
In immer neuen Anläufen verfolgte er seine Projekte, bis er sie - oft genug - verwarf. Denn der gebürtige Klagenfurter zweifelte nicht nur an der Sprache. Er zweifelte auch an der Wirklichkeit der Realität. Die schlichte Aussage: Mein Vater ist vom Dach unseres Hauses gefallen, hat sich das Genick gebrochen und war sofort tot, löste er auf in eine protokollarische Erzählung und in die minuziöse Beschreibung des Ablaufs. Dabei löst die genaueste Beschreibung der Wirklichkeit die Tatsache wieder auf. Sein Zweifel war radikal, beschränkte sich keineswegs auf die Reichweite der sinnlichen Wahrnehmung. Jonke zweifelte schließlich auch an den Verfahren, mit denen die Kunst seiner (Früh-)Zeit gegen ihre Verunsicherung anging. Er verband deshalb die Verfahren der experimentellen Literatur jener Jahre mit Einsichten, die er seiner profunden Kenntnis der avancierten Musik des zwanzigsten Jahrhunderts verdankte. Er beschrieb damals, 1970, seine Form des Erzählens: "Ich glaube nicht an normale Erzählungen. Ich kann nur an Erzählungen glauben, die durch andere Erzählungen unterbrochen werden. Ich glaube, jeder einzelne Satz der Erzählung muß durch einen darauf folgenden Satz einer zweiten oder dritten Erzählung unterbrochen werden. Indem ich jeden Satz der Erzählung vom folgenden Satz der Erzählung durch einen Satz einer zweiten oder dritten Erzählung trenne und erst später einsetze, erhalte ich viele Erzählungen in einer einzigen Erzählung."
Das Problem liegt auf der Hand. Soll die Erzählung nicht auf eine rein formalistische Spielerei reduziert werden, ergeben sich für einen (lesbaren) Text enorme konstruktive Schwierigkeiten, vergleichbar dem Projekt Raymond Roussels. Jonke hat sich an diesen Schwierigkeiten fast die Zähne ausgebissen.
In seinen ersten Büchern, dem "Geometrischen Heimatroman" 1969, der "Glashausbesichtigung", 1970, der "Vermehrung der Leuchttürme", 1971, war alle Erfahrung der Realität im poetischen Verfahren aufgehoben. Seine Poesie verstand sich als Poetik. Er reflektierte die Bedingungen des Schreibens zugleich als Bedingung der Möglichkeit des Beschriebenen. Auf solche Weise konnte er im Schein der Realität die Realität des Scheins erkennen.
Erst in den folgenden Romanen und Erzählungen, "Schule der Geläufigkeit", 1977, "Der ferne Klang", 1979, und "Erwachen zum großen Schlafkrieg", 1982, gelang es ihm, seine Verfahrensweisen nicht nur an der gegebenen Realität zu orientieren, sondern auch für die Erfahrung dieser Realität zu öffnen. Der für ästhetische Gebilde konstitutive Schein wird, im Idealfall, in seiner Realität zur Erscheinung der Utopie.
"Mein Gott, ist das beziehungsreich, ich glaub, ich übergeb' mich gleich" (R. Gernhardt) - könnte man hier und heute nörgelnd anmerken. Man kann daran aber auch einen Verlust ablesen - an Anspruch und Reflexionsniveau. In den großen Büchern Jonkes erschien es tatsächlich als ein kleiner Schritt, der die Gegenwart von einer realisierten Utopie trennte, ob als Versöhnung des Menschen mit der Natur, als freie Gesellschaft oder als Aufhebung der Zeit verstanden. Jonke verfolgte damals aber nicht nur ein romantisches Programm, er baute auch die Zweifel an allen solchen Programmen mit ein. Das erhöhte seine Schwierigkeiten. Zugleich wurden seine Bücher, mit dem laxen Verständnis von heute gesagt, lesbarer, vergnüglicher, ohne deshalb an Anspruch nachzulassen, wobei außerdem hervorgehoben werden muss, das Jonke zu den großen Humoristen unserer gegenwärtigen Literatur zählt. Er verfügte über Witz und Ironie und über eine Verschmitztheit, die nicht nur aus seinen kleinen Augen blitzte, sondern in jedem seiner Sätze zu spüren war.
Das Glück, das ihm schreibend vor Augen stand, war stets gefährdet, und, nur scheinbar paradox, auch als Gefahr präsent. Vielleicht nirgends deutlicher als in der großen Erzählung "Schule der Geläufigkeit". Der Fotograf Anton Diabelli, schon durch seinen Beruf für Wirklichkeit sensibilisiert, gibt ein Sommerfest, zu dem "Angehörige des politischen Mittelstands" und natürlich auch viele Künstler geladen waren. Eine der üblichen Partys, mit künstlerischen Einlagen und wirklichkeitsfremden Klagen über die Fremdheit der Wirklichkeit. Nichts Besonderes. Aber zugleich war das Fest darauf angelegt, zur Wiederholung des letztjährigen Festes zu werden, und zwar in allen Einzelheiten. Das Fest sollte also: die Zeit aufheben.
Im Alter von 62 Jahren vestarb Gert Jonke nach schwerer Krankheit gestern in Wien. Im Tod ist alle Zeit aufgehoben. Gert Jonke würde jetzt, leicht verschmitzt, hinzufügen, dass der Nutzen davon fraglich sei. Für einige Zeit war er der wichtigste unserer Schriftsteller. Jetzt haben wir nur noch seine Bücher.
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